Lisa Strauß ist die Enkelin von Peggy Berolsky. Geboren 1924 in Koszyce, überlebte Peggy die Arbeits- und Konzentrationslager Płaszów, Auschwitz und Bergen-Belsen. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte sie nach Südafrika. Sie starb 2008 in Aachen. Lisa Strauß hat über die Geschichte ihrer Großmutter ein Buch geschrieben: „Von Krakau nach Kapstadt“. Im Interview erzählt sie, wie der Schreibprozess für sie war – und welche besondere Perspektive sie als Nachkommin mitbringt.
Mein Name ist Lisa Strauß, ich bin 44 Jahre alt, wohne in Berlin und erzähle die Geschichte meiner Großmutter Peggy – oder Peska, wie sie ursprünglich hieß –, die gebürtig aus Polen kam, in der Nähe von Krakau aufgewachsen ist und mit 14 Jahren in den Zweiten Weltkrieg geschlittert ist. Über ihre Geschichte habe ich das Buch „Von Krakau nach Kapstadt“ geschrieben, basierend auf über neun Stunden Videomaterial, in welchem Peggy von ihrem Leben erzählt hat. Die Geschichte ist für mich ein Teil von meinem Leben, von meiner Geschichte. Ich habe das schon als kleines Kind so empfunden, aber es ist mir erst richtig bewusst geworden, als ich älter war und in der Lage war, das zu begreifen. Ich glaube, das war so ein Moment, in dem ich irgendwo gelesen habe: Von allen Juden in Polen, die dort gelebt haben vor dem Zweiten Weltkrieg, haben 10 Prozent überlebt. Und da habe ich gedacht: Okay, wow. 10 Prozent „Chance“, dass ich geboren wurde. Und das hat es für mich so eindrücklich gemacht. Meine Familiengeschichte hat mir das Gefühl von Verantwortung gegeben, und dass ich in irgendeiner Weise in der Pflicht bin, etwas dafür zu tun oder mit dieser Geschichte etwas zu tun und mein Leben in irgendeiner Weise immer damit in Verbindung zu halten.
Zwei Aspekte haben mich an Peggys Geschichte besonders berührt.
Das eine ist für mich das Thema „Wiedergutmachung“, mit dem ich mich ganz am Ende des Buchs befasse. Und da gibt es einen Teil, der nicht auf dem Interview beruht, sondern auf der Akte, die meine Großmutter dafür angelegt hatte, und die die ganzen ärztlichen Untersuchungen enthielt. Und da wurde es natürlich noch mal auf eine ganz andere Art beschrieben als in ihren eigenen Worten. Sie selbst hat immer, wenn sie die Geschichte erzählt hat, es geschafft, es so klingen zu lassen, als sei das alles gar nicht so wild gewesen. Und klar: In den Akten noch einmal schwarz auf weiß diese ganzen Traumata zu lesen, die sie durchlebt hat, das ist mir sehr nahe gegangen.
Und der zweite Aspekt, paradoxerweise, bei dem ich am meisten mit den Tränen gekämpft habe, war ihre Befreiung. Anstelle von diesen ganzen grausamen Geschichten, die sie durchlebt hat: Dieser Moment, wo sie durch den Wald läuft in Bergen-Belsen und diese englische Radio-Ansage hört – ich kann es gar nicht zitieren, denn sonst fange ich wieder an zu weinen – und sie realisiert hat, dass es jetzt vielleicht alles vorbei sein könnte. Das war sehr emotional für mich.
Es gab aber auch Passagen, bei denen ich gezögert habe.
Mit diesen Akten habe ich gehadert, weil Peggy eben doch ein paar Sachen nicht erzählt hat, die dort standen. Und das ist mir erst dann im Nachhinein bewusst geworden, als ich die Akten gelesen habe und sie nicht mehr da war, um mir ihre Fragen zu beantworten. Kann ich das erzählen, soll ich das erzählen? Sie wollte immer, dass ihr Leben dokumentiert wird, dass ihre Geschichte dokumentiert wird. Und deshalb habe ich mich am Ende dafür entschieden, auch die Sachen mit aufzunehmen, die sie nicht selbst erzählt hat. Weil ich finde, dass das auch ein super relevanter Punkt ist. Zu sehen, wie sehr sie sich selbst zusammenreißt – jetzt immer noch, nachdem sie das alles durchlebt hat, weil sie uns nicht das Gefühl geben will, wie schlimm das wirklich war. Und weil sie meine Mutter ihre ganze Kindheit nicht damit belasten wollte, hat sie sie zum Teil angelogen oder wahnsinnig eklatante Sachen weggelassen: Dass sie vergewaltigt worden ist, Fehlgeburten und Totgeburten hatte, von denen ich nichts wusste. Das war für mich ein Hadern. Aber am Ende glaube ich, ist es umso wichtiger, dass es da schwarz auf weiß im Buch steht.
Es war herausfordernd, über eine Geschichte zu schreiben, die nicht meine eigene ist.
Ich schrieb in der Hoffnung, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen das tue, was Peggy wollen würde. Und dass ich sie genug kannte, um das hoffentlich beurteilen zu können. Und dass sie uns das ja auch anvertraut hat, ihre Geschichte in unsere Hände gegeben hat, und dass es ihr immer wichtig war, dass über dieses Thema gesprochen wird. Und ich glaube, dass es am Ende wichtiger ist, dass es gut ist, je mehr ich darüber spreche, als dass ich genau ihre Worte verwende.
Peggy hat ihre Geschichte auf englisch erzählt.
Ich musste sie für das Buch also übersetzen. Das war sehr schwer. Ich bin zum Teil Kreise gelaufen, weil ich mich an einem einzelnen Wort festgebissen habe. Weil ich einfach kein richtiges Äquivalent gefunden habe von englisch auf deutsch und ich das gerade bei Gefühlen so individuell und speziell finde, dass es sehr schwer war für mich zu übersetzen.
Inzwischen habe ich auch eine Rückübersetzung gemacht und einen englischen Entwurf geschrieben, bei dem ich zum Teil das Gefühl habe, er ist näher am Original – einfach, weil ich wirklich Peggys eigenen Worte verwenden kann. Aber ich glaube bei Sprache, egal in welchem Kontext, geht immer etwas verloren.
Peggys Geschichte hat viel mit mir gemacht.
Ich glaube, das ist so ein Klassiker in den Geschichten der Familien von Nachkommen von solchen schlimmen Traumata, dass man immer so ein bisschen diesen Geist in sich hat: Reiß dich zusammen, ist doch alles nicht so schlimm. Damit ist vor allem meine Mutter groß geworden. Zu mir hat sie das nie gesagt, trotzdem denke ich das manchmal: Dass alles, was in meinem Leben so los ist, nicht vergleichbar ist. Und trotzdem glaube ich, dass Peggy das nicht unbedingt so wollen würde, dass ich das so sehe, sondern dass sie mir einfach mitgeben würde, dass es immer einen Weg gibt. Und diese Mentalität von ihr, wie sie das alles überstanden hat, ist, glaube ich, von Tag zu Tag zu denken. Immer sich von einem zum nächsten Tag vorzuarbeiten, auch wenn man gar nicht wusste, was dann den Tag danach wieder passieren würde, und sich an den positiven Sachen festzuhalten. Davon hat sie ganz viel erzählt, von diesen kleinen positiven Momenten, die das alles irgendwie erträglicher erscheinen lassen.
Das Schreiben war ein bittersüßes Gefühl.
Durch das Schreiben hatte ich noch mehr das Bedürfnis, mit Peggy zu sprechen. Ich hatte noch so viele Fragen, bei denen ich erst dann gelandet bin, nachdem ich mich so intensiv mit ihrer Geschichte beschäftigt habe. Und trotzdem war es aber auch manchmal überfordernd. Ich habe dann auch gemerkt, dass es manchmal wichtig ist, einen Schritt zurück zu machen, es auch mal ruhen zu lassen und normale, schöne Dinge zu machen. Denn man kann sich auch zu sehr in diese Geschichte hineinfühlen – und das kann depressiv machen, wenn man sich zu sehr damit beschäftigt. Zum Glück konnte ich mit guten Freund:innen darüber sprechen, und ich habe auch mit meinem Mann viel darüber gesprochen. Er hat immer mal wieder gesagt: „Ist gut jetzt, mach mal eine Pause.“ Das hat geholfen.
Meine Familie war froh, dass Peggys Geschichte veröffentlicht wurde.
Meine Familie war froh, als diese Odyssee vorbei war, weil es sich wirklich sehr lange gezogen hat von der Idee bis zu diesem Buch. Denn es gab unterschiedliche Autoren, mit denen meine Großmutter noch zu Lebzeiten versucht hatte, das Buch umzusetzen, aber es hat nicht funktioniert. Ich glaube, alle waren froh und stolz und erleichtert, dass es jetzt wirklich geschafft ist. Und darum geht es mir auch, also gar nicht so sehr darum, wie oft dieses Buch verkauft wird – Themen, mit denen man sich vielleicht sonst als Autor befassen würde –, sondern einfach darum, dass ihr Wunsch erfüllt wurde.
Meine Mutter hat die Entstehung des Buchs letztendlich losgetreten, weil sie die Herausgeberin kennengelernt hat und so überhaupt erst die Zusammenarbeit mit dem Verlag zustande gekommen ist. Die Rolle meiner Mutter war sehr groß, ohne sie würde das Buch nicht existieren. Ohne meinen Cousin auch nicht, denn er hat die Interviews mit Peggy aufgenommen. Aber mit dem Schreibprozess wollte keiner so richtig etwas zu tun haben. Ich kann das auch verstehen: Meine Mutter hat das Thema ihr Leben lang immer wieder sehr nah an sich gehabt, sodass sie dann gesagt hat: „Okay, ich bin jetzt durch damit. Wenn du das machen willst, dann mach.“
Die wichtigste Botschaft des Buchs: Hass kreiert Hass.
Das ist auch das, was Peggy uns am Ende ihrer Geschichte mitgeben wollte. Das war ihr Fazit für die Welt. Und ich habe das schon viele Überlebende sagen hören, und ich glaube, das ist der einzige Weg, wie man so eine Zeit durchsteht. Und wenn wir auch jetzt in einem ganz anderen Ausmaß und anderen Kontext in zum Teil auch kritische Zeiten schlittern, ist das ein Satz, den wir uns sehr zu Herzen nehmen sollten.
Persönliche Motivation zum Schreiben des Buchs
Es war wirklich in erster Linie, um ihren Wunsch zu erfüllen und um zu gewährleisten, dass ihre persönliche Geschichte für die Nachwelt festgehalten wird. Und trotzdem ist es, glaube ich, auch für die jetzige Zeit relevant – unabhängig von meiner Großmutter – all diese Geschichten festzuhalten. Gerade weil diese Überlebenden nach und nach nicht mehr bei uns sind, dass eben jetzt meine Generation den Stift in die Hand nimmt: Dass meine Generation jetzt das Zepter übernimmt und diese Geschichte weiter am Leben hält.
Ich fühle mich verantwortlich, denn ich glaube, dass nur durch das Weitererzählen der Geschichten die Geschichte in Erinnerung bleiben kann. Alles, was so abstrakt in irgendwelchen Zahlen, Daten oder Fakten versucht wird zu veranschaulichen, hat nicht den gleichen Impact, hat nicht die gleiche Bedeutung. Und anhand der Geschichte meiner Großmutter kann ich auch besser nachempfinden, wie stark ein einziges Schicksal einen umhauen kann – besonders, wenn man es in all seinen Details erklärt. Gleichzeitig ist es schwer, die Geschichte nicht zur Last werden zu lassen. Ich glaube, Balance ist alles und das kann man nur von Moment zu Moment für sich selbst entscheiden: Wie viel man aushält, wie viel man bereit ist sich damit zu beschäftigen. Ich glaube, da muss man einfach viel auf sein Bauchgefühl hören. Ich persönlich fühle mich verantwortlich, und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass, wenn ich diese Verantwortung erfülle, indem ich Gespräche darüber führe, eine Lesung halte oder mich sonst wie engagiere, dann habe ich es auch „verdient“ andere Sachen zu machen. Dann ist es okay, wenn ich mich in meinem anderen Leben mit total weltlichen, banalen Sachen beschäftige.
Wir Nachkommen haben eine besondere Perspektive.
Ich glaube, dass es anders ist, wenn wir die Geschichte erzählen. Denn wir haben sie natürlich nicht am eigenen Körper erlebt, und das hat vielleicht Gutes und auch Schlechtes in der Weitergabe der Geschichte. Natürlich geht vielleicht etwas dabei verloren, denn ich kann meine Erzählung nur auf dem aufbauen, was mir meine Großmutter erzählt hat – und nicht auf das Gefühl, das diese Erinnerung in dem Moment bei ihr auslöste. Aber ich kann die Geschichte vielleicht auch schonungsloser und klarer erzählen. Natürlich ist sie durch meine eigenen Emotionen gefärbt, aber eben nicht durch Peggys eigene Erlebnisse in dem Moment, und ich habe das Gefühl, dass sie so traumatisiert war von der Geschichte, dass sie manchmal Schwierigkeiten hatte, manche Dinge stringent erzählen. Und das ist dann vielleicht der Vorteil, wenn wir die Geschichte erzählen.
Für mich war Peggys Geschichte ein Mysterium.
Bevor wir das Interview geführt haben, wurde immer mal wieder über ihre Verfolgung gesprochen, aber nie zusammenhängend. Hier und da gab es mal eine Anekdote, aber nie wirklich die ganze Geschichte. Für meinen Cousin und mich war ihre Geschichte daher immer ein Mysterium. Und deshalb haben wir dann irgendwann gesagt: Okay, jetzt mal bitte von A bis Z, weil wir von ihr bis dahin immer nur Fragmente ihrer Geschichte gehört haben. Da war immer ein diffuses „Sie hat es erlebt und es war schrecklich.“
Als sie dann ihre Geschichte in Gänze erzählt hat, war es in Teilen komischerweise fast so, als würde sie uns Klatsch und Tratsch aus dem Nähkästchen erzählen. Sie hatte sie nicht in eine nach außen gerichtete Version verpackt, die quasi fertig für die Öffentlichkeit war. Sondern das war wirklich so, als würde sie mir kleine Geschichtchen erzählen von der Tante X oder dem Onkel Y. Manchmal gab es Momente, in denen sie emotional sehr angefasst war von ihrer Erzählung, aber das waren wenige. Es waren wenige Momente, in denen ich gemerkt habe: Jetzt fällt es ihr schwer, diese Worte über die Lippen zu bringen, weil das die Teile der Geschichte waren, die für sie am emotionalsten und am schwierigsten zu verarbeiten waren. Aber vieles von dem, was sie erzählt hat, waren eher Geschichtchen, und das war auch nicht kohärent. Dann musste man sie wieder zurück auf die Spur bringen und sagen: „Okay, aber du warst doch gerade da, und wer ist jetzt diese Person? Und wie bist du überhaupt dahingekommen?“ Und so dauerte das Interview am Ende neun Stunden.
Das Thema „Wiedergutmachung“ war für mich der schlimmste Teil an diesem Buch, an dieser ganzen Geschichte.
Und das ist ja schon krass, wenn man überlegt, was Peggy alles erlebt hat. Denn festzustellen, dass man sich nach diesem ganzen Trauma, diesen ganzen Erlebnissen, mit dieser Bürokratie befassen muss, vorgeführt wird wie ein Objekt in irgendwelchen Untersuchungen und sich dann von irgendeinem Arzt hinterm Schreibtisch erzählen lassen muss, dass sei „alles doch gar nicht so schlimm gewesen“, und bestimmt habe sie genetische Prädispositionen und deswegen diese ganzen Beschwerden. Das war für mich das Schlimmste. Und ich habe auch von vielen anderen Leuten gehört, dass sie das so bewegt hat. Das hat mich darin bestätigt, dass es gut war, ihre Geschichte im Detail aufzuschreiben. Denn ich glaube, dass viele Geschichten den Aspekt „Wiedergutmachung“ nicht beinhalten. Ich habe darüber jedenfalls noch nicht in einem Buch gelesen. Dabei ist die Geschichte nicht in dem Moment zu Ende, in dem sie befreit wurde – sondern vieles fing da erst an.
Gefühlserbschaften in der Familie
Nachdem ich das Buch geschrieben habe und mich intensiv damit beschäftigt habe, habe ich mich gefragt, wie Peggy überhaupt mit dieser Geschichte weiterleben konnte. Dieser Moment, als alles vorbei und sie befreit war, der war vielleicht sogar noch schlimmer als alles davor. Denn statt Tag für Tag ums Überleben zu kämpfen, auf einmal vor einem weißen Blatt Papier zu stehen, mit all diesem Erlebten, und sagen: „So. Jetzt soll ich plötzlich ein neues Leben anfangen. Mit wem denn? Es ist keiner mehr da. Wo soll ich hin, was soll ich machen, wie soll ich das alles überhaupt verarbeiten?“
Ich weiß nicht, wie sie das geschafft hat. Und ich habe eher das Gefühl, ich selbst habe verhältnismäßig wenig unter dieser Geschichte gelitten und davon gespürt. Für mich war sie immer eine sehr starke Frau und eine sehr liebevolle Oma. Und ja klar hatte sie immer ihre „komischen Geschichten“, die ich als Kind noch nicht so richtig verstanden habe. Aber ich glaube, dass meine Mutter sehr viel direkter belastet war. Denn sie ist aufgewachsen, als meine Großmutter noch so jung war und so frisch aus dieser Zeit kam, dass meine Mutter groß geworden ist, wie Peggy nachts schreiend aufgewacht ist. Das hat in meinem Leben nicht stattgefunden. Insofern glaube ich, dass das immer weiter runter destilliert wird und ich relativ verschont geblieben bin.
Geglättete Darstellung des Interview-Transkripts mit Lisa Strauß, November 2025.