Die Geschichte meines Vaters, was seine Homosexualität betrifft, kenne ich nur aus den Akten. Ich sage immer: Mein Vater ist von 1934 bis 1945 als Homosexueller verfolgt worden, denn das kann ich belegen. Und sonst weiß ich nichts zu dem Thema. Ich war elf Jahre alt, als er gestorben ist. Mit elf Jahren fängt man erst an, sich zu entwickeln, und das Thema Sexualität war überhaupt noch nicht da. Und deswegen kann ich zur Sexualität meines Vaters überhaupt nichts sagen.
Im Jahr 1961 verstarb er. Ich habe erst sehr viel später von seiner Verfolgung erfahren. Das war ein unheimlicher Schreck, denn ich hatte mich schon mit der Geschichte der Homosexuellen während der NS-Zeit beschäftigt. Und ich wusste, wie man mit ihnen umgegangen ist. Ich dachte nur: „Oh, die arme Sau.“
Heute würde man das als Kompensation bezeichnen, denn er hat zu Lebzeiten erzählt - so wurde es mir gesagt -, dass er bei der Leibstandarte Adolf Hitler gewesen sei. Das war insofern interessant, weil in dem Dorf, in dem wir gewohnt haben, alle Männer den Hut vor ihm gezogen haben. Für sie war er eine Persönlichkeit: Ein ehemaliger SSler. Und da hatte man stramm zu stehen. Es ist irgendwie makaber, aber andererseits finde ich es auch witzig, dass er so die ganze Dorfgemeinschaft dazu animiert hat, ihm gegenüber Respekt zu erweisen.
Jahrelanges Schweigen
Über die Verfolgung meines Vaters im NS-Regime herrschte in meiner Familie immer Schweigen. Denn meine Mutter hat darüber nicht gesprochen. Und als ich davon erfahren habe, hat meine Mutter auch nicht mehr gelebt. Es lebte nur noch meine Schwester, meine anderen Geschwister waren alle inzwischen tot. Aber ich habe das immer irgendwie gespürt, weil ich mit meinem Vater sehr eng war. Und dann kam noch dazu, dass mein Vater nach 1945 offene Tuberkulose hatte und mich als Kind angesteckt hat. Ich bin dann drei Jahre mit ihm in einem Lungensanatorium gewesen. Und das prägt natürlich.
Nach all den Jahren und all dem, was ich weiß, habe ich überhaupt kein Verständnis für das Schweigen meiner Mutter. Hätte sie mit uns darüber gesprochen, denke ich, dann wären die Selbstmorde meiner zwei Brüder vermeidbar gewesen. Zumindest sehe ich da eine Chance, hätte man über das Thema offen in der Familie geredet und hätten alle Bescheid gewusst, dann wäre das Trauma anders verarbeitet worden. Aber meine Mutter hatte überhaupt kein Gespür dafür und hat das auch überhaupt nicht verstanden.
Scham der Mutter
Meine Mutter war eine überzeugte Nationalsozialistin. Für sie waren Homosexuelle zurecht im KZ und sind zurecht verfolgt worden. Und sie hatte halt das Pech, an einen schwulen KZler zu geraten. Das hat sie vorher nicht gewusst. Sie war eine typische höhere Tochter. Vorgesehen für einen Apotheker oder einen Anwalt, aber doch nicht für einen schwulen KZler. Und das muss man sich dann damals in den 1950er Jahren vorstellen, wie furchtbar das war, als das publik geworden ist. Ich habe das auch mal angesprochen, weil sie uns immer einen Vorwurf machte, wir seien Schuld an ihrem Schicksal. Ich habe dann irgendwann gesagt, dass ich das nicht verstehe. Ein Kind kann ich vielleicht noch verstehen, ein zweites Versöhnungskind auch noch, aber wenn das eben nicht klappt, muss man doch die Röcke raffen und sehen, dass man wegkommt. Ich habe sie gefragt: „Wieso bist du denn nicht bei deiner Mutter geblieben?“ Der ging es wirtschaftlich gut, meine Großmutter war Schneidermeisterin. Sie hatte zu tun und brauchten somit auch nicht hungern. Aber meine Mutter hat zu mir gesagt, sie habe sich so furchtbar geschämt. Und das war eben die Scham vor den Bewohnern, vor der Bevölkerung. Aber ich finde diese Scham uns gegenüber nicht richtig. Sie hat einfach furchtbare Angst gehabt wegen ihrer bürgerlichen Reputation und hat das auf Kosten ihrer Kinder gemacht. Also wenn man das jetzt so sehen will, hat sie es nicht anders gewusst. Aber ich finde, für die Kinder ist das furchtbar gewesen.
Eine dunkle und eine helle Seite
Die dunkle Seite meines Vaters - diesen Begriff habe ich erst von einer Psychologin gehört, der ich das mal erzählt hatte. Und weil ich sehr schwer damit umgehen konnte, dass meine Schwester mit ihm negative Erfahrungen gemacht hat, die ich garnicht gemacht habe. Und die Psychologin meinte dann zu mir, er hätte eben zwei Seiten gehabt: Eine dunkle und eine, die mir zugewandt war. Es war aber nicht gut für die Beziehung zu meiner Schwester. Weil meine Schwester sich natürlich zurückgesetzt gefühlt hat. Mein Vater hat mich vorgezogen, und das war für sie nicht gut. Aber warum das so war, das kann man heute nicht mehr sagen. Da müsste man ihn fragen. Und das kann man nicht mehr.
Transgenerationale Traumatisierungen
Traumatisiert ist heute jeder. Fußballer sind traumatisiert, Rennfahrer sind traumatisiert. Das ist ein völlig ausgelutschter Begriff für mich geworden. Ich habe mich dann selbst etwas mehr damit beschäftigt. Aber erst, nachdem ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe, könnte ich heute vielleicht erklären, wenn auch nicht verstehen, warum meine Brüder sich umgebracht haben. Damals, als es passierte, konnte man das garnicht. Das war vollkommen unerklärlich – und für mich sowieso, weil ich nicht mehr zuhause lebte.
Homosexualität heute
Hier in Berlin ist das Thema Homosexualität präsent. Man ist auch hier in guter Gesellschaft, aber auf dem Land ist es nach wie vor schwierig, seine Sexualität so zu leben, wie man möchte. Ich finde es wichtig, darüber zu reden und klarzumachen, dass Homosexualität zum Leben gehört. Das hat es immer gegeben, und es hat immer wieder Regime gegeben – und die gibt es immer noch – die das als Störfaktor empfinden und auch sehr aggressiv dagegen vorgehen. Und das möchte ich eigentlich auch hinterfragen. Ich möchte, dass man sich darüber Gedanken macht und es nicht annimmt, wie es einem präsentiert wird: Dass das falsch sei und dass solche Menschen nicht zu unserer Gesellschaft gehören. Das, finde ich, geht überhaupt nicht.
Für mich war die Recherche der Verfolgungsgeschichte meines Vaters interessant. Ich habe dann auch Gott sei Dank jemanden gefunden, dessen Vater, ein berühmter Schauspieler, mit meinem Vater im ersten KZ zusammen war, in der Lichtenburg. Die beiden sind damals, 1934 während einer wilden Razzia, in Berlin verhaftet worden und kamen dann zur "Umerziehung" ins KZ Lichtenburg. Und dieser Mann hat danach auch geheiratet und drei Kinder bekommen. Ich habe mich mit seinem Sohn, einem bekannter Schriftsteller und Sänger, getroffen, und er hat mir dann gesagt, dass Homosexualität in der Familie nie ein Thema war. Er hat erst mit 18 Jahren erfahren, was das ist. Denn sein Vater hatte immer einen Freund gehabt und mit diesem Freund zusammengelebt. Das sei überhaupt kein Thema in der Familie gewesen. Und sein Vater hat mit ihm über seine Zeit in der Lichtenburg gesprochen, wie er das empfunden hat.
Wenn du solche Menschen triffst, ist das ein Geschenk. Menschen, die damit selbstverständlich umgehen und mit ihrem Elternteil darüber gesprochen haben.
Und was ich auch immer sehr interessant finde, ist die Familie Mann. Bei einer Buchvorstellung habe ich die Autorin von dem Buch über Katia Mann, Inge Jens, gefragt, wie sie denn das Verhalten Katias gegenüber der Homosexualität ihres Mannes sieht. Katja Mann muss ja auch gemerkt haben, dass sich ihr Mann zu Männern hingezogen fühlt. Und sie hat dann erzählt, dass Katja Mann einen eineiigen Zwillingsbruder hatte, der homosexuel war. Somit war das in der Familie Mann, und auch in der Familie von Katia Mann, den Pringsheims, kein Thema. Die sind in diesem Haus ein- und ausgegangen, sie gehörten zum Leben dazu. Es war ja auch eine Künstlerfamilie.
Aber dass das Thema bei gewissen Menschen keine Vorurteile hervorruft, das ist einfach schön zu hören. Und sich mit solchen Menschen auszutauschen ist wie ein Geschenk. Weil man diese Diskriminierung nicht mehr spürt. Und natürlich merkt man die Diskriminierung überall. Und ich weiß nicht, ob früher jemand gewusst hat, ob mein Vater nun schwul oder bisexuell war. Da habe ich gar keine Erfahrung. Ich bin von Homosexuellen angegriffen worden, die mich anguckten und sagten: „Dein Vater kann nicht schwul gewesen sein, sonst würde es dich ja nicht geben.“ Was ja nun absoluter Blödsinn ist. Dann sage ich immer: „Ich sage auch nicht, dass mein Vater schwul war, sondern dass er als Homosexueller verfolgt worden ist. Denn mehr weiß ich nicht.“
Es hat ja immer Homosexuelle Männer gegeben, auch da wo wir gelebt haben. Aber das nimmst du als Kind ja gar nicht wahr. Das interessiert dich ja gar nicht. Die Sexualität deines Umfelds wird erst interessant, wenn du in die Pubertät kommst.
Mein Vater war sehr mutig.
Das Folgende habe ich erst erfahren, als homosexuelle Freunde von mir und Bekannte, die Historiker sind, seine Akten gelesen haben. Und da sagte mir dann mal einer, er sei sehr mutig gewesen. Denn es gibt eine Eintragung in seiner Akte, dass er auf der Friedrichstraße einem SS-Mann begegnete, den er aus dem KZ Lichtenburg kannte. Und da hat er diesen SS-Mann auf der Straße angegriffen: „Du Schwein!“. Daraufhin hat dieser die Polizei geholt. Es kam zur Anzeige, ich glaube wegen Körperverletzung und Nötigung, aber das wurde eingestellt. Der Historiker, der das gelesen hat, sagte: Das war zu diesem Zeitpunkt damals und gerade auf der Friedrichstraße sehr mutig, dass er das gemacht hat. Aber ich habe ihn auch nie anders oder ängstlich erlebt. Im Gegenteil: wenn er mal aus sich rausgegangen ist, dann war das immer sehr beeindruckend – auch für mich als Kind.
Er hatte auch einen starken Sinn für Gerechtigkeit. Wir Kinder haben immer viel draußen gespielt. Wir hatten uns im Sand mal etwas gebaut. Und eine Nachbarin, die uns Kinder immer geärgert hat, kam mit der Schaufel und machte alles kaputt. Das habe ich meinem Vater erzählt, und dann hat er sie sich vorgenommen. Danach ließ sie uns in Ruhe.
Wäre er nicht dabei gewesen, als wir im Lungensanatorium waren, gäbe es mich wahrscheinlich heute gar nicht mehr. Als Kind musste man mich beschäftigen. Im Sanatorium in Liegehallen liegen und nichts vorgelesen zu bekommen, das ging gar nicht. Ich bin herumgelaufen. Ich bin abgehauen. Ich hatte keine Angst. Mal habe ich etwas gemacht, was nicht in Ordnung war. Als Strafe wurde ich tierisch mit einem Kleiderbügel verdroschen. Das habe ich meinem Vater erzählt. Da hat mein Vater da sehr aufgeräumt. Und einmal, Nikolaus oder Weihnachten, wollten mich die Ärzte in einen Sack stecken. Ich habe gekratzt, gebissen und geschrien. Dann sehe ich die Silhouette meines Vaters am Fenster. Da ließen sie mich fallen wie eine heiße Kartoffel. Ab dann war Ruhe, keiner hat mich mehr angefasst. Wäre er nicht gewesen, hätten sie mich totgeschlagen. Das war damals die schwarze Pädagogik. Ungezogene Kinder wurden geschlagen.
Verantwortung, Gegenwart und Zukunft
Ich trage keine Verantwortung, aber ich finde es wichtig, darüber offen zu reden und das als eine Selbstverständlichkeit zu betrachten, dass jemand seine sexuellen Vorlieben ausleben kann. Dass man deswegen verfolgt wird, das geht überhaupt nicht in meinen Augen. Und dann muss man sich eben öffentlich bekennen und öffentlich darüber sprechen. Anders geht es nicht für mich.
Im Moment geht wieder alles zurück. Es wird alles konservativer, der Schritt nach rechts ist in vielen Staaten zu spüren. Und auch die Verfolgung von Homosexuellen ist in vielen Staaten skandalös. Aber ich wünsche mir einfach, dass es viele Länder gibt, die da offen sind. Und dass es viele starke Menschen gibt, die sich dafür einsetzen, dass dieses Thema kein Tabu mehr ist. Und ich wünsche allen viel Glück dabei und viel Erfolg.
Meinem Vater will ich keine Stimme geben, weil ich mit ihm nie darüber geredet habe. Ich fühle mich dazu nicht in der Lage und auch nicht verantwortlich. Ich finde, dass er einfach ein beschissenes Leben hatte. Das sehr traurig, aber ich möchte nicht für ihn das Wort ergreifen oder in seinem Namen sprechen, das geht gar nicht, das kann ich gar nicht.
Ich kenne viele Angehörige der zweiten oder dritten Folgegeneration, die teilweise noch sehr betroffen sind. Und viele sind auch geprägt durch die Zeit bis 1945 und auch nach 1945 und können das Gespräch darüber schwer ertragen. Aber es gibt viele, die einen neuen Weg suchen und auch genügend Gedenkstätten, die da unterstützen. Es liegt immer auch an den Leuten selbst, wie sie sich einbringen möchten.
Geglättete Darstellung des Interview-Transkripts mit Petra Hörig, November 2025.
Petra Hörigs Vater, Horst Hörig, wurde im Dezember 1934 als „Stricherjunge“ zur sogenannten „Umerziehung“ ins KZ Lichtenburg verschleppt. Ohne jegliche Unterstützung musste er sich nach seiner Entlassung wieder zurechtfinden und geriet erneut mit dem Gesetz in Konflikt, dieses Mal wegen Betrugs und Urkundenfälschung. Aufgrund seiner Vorstrafen kam er ins Zuchthaus. Doch nach verbüßter Haft kam er nicht in Freiheit. Im Jahr 1944 wurde er von der Haftanstalt Lehrter Straße in Berlin ins KZ Sachsenhausen überführt. Dort wird er in Block 14, dem „Homosexuellenblock“, inhaftiert.
Nach dem Ende der NS-Zeit nahm er eine neue Identität an. Er heiratete Petra Hörigs Mutter, Klara Zang, im Jahr 1947. Gemeinsam bekamen sie sechs Kinder. Zu seinen Lebzeiten sprach er mit seinen Kindern nicht über seine Erfahrungen von Verfolgung und Leid. Erst Jahre nach seinem Tod erfuhr seine Tochter Petra Hörig von seiner Verfolgung.