Stefanie Buselmaier

Ich möchte euch meine und die Geschichte meiner Eltern erzählen, die geprägt war durch den Terror des Dritten Reiches.

Ich wurde 1946 geboren, also ein Jahr nach Kriegsende. Damals waren meine Eltern sehr wohlhabend, da mein Vater einen Lebensmittelgroßhandel betrieb. Eigentlich beginnt diese Geschichte, als ich neun Jahre alt war. Wir waren nach Mannheim-Friedrichsfeld gezogen, und ich fühlte mich dort sehr wohl. Allerdings hatte ich immer das Gefühl, dass ich nicht richtig dazugehörte. Wenn ich bei meinen Freundinnen zu Besuch war, hörte ich von deren Eltern oft „Hitler war ja gar nicht so schlimm. Er hat die Autobahn gebaut geht ja direkt an Friedrichsfeld vorbei), er hat die Arbeitslosigkeit verringert und die Jugend von der Straße geholt“. Außerdem redeten sie schlecht über die Flüchtlinge, die nun aus Ostpreußen, Schlesien, Ungarn und den ganzen Ostgebieten nach Deutschland kamen.

Mich hat dieses Gerede vollkommen irritiert und mir auch Angst gemacht. Denn bei uns zu Hause redete man ganz anders. Da war Hitler ein böser Mann und meine Eltern waren froh, dass Deutschland den Krieg verloren hatte. Ich spürte, dass meine Eltern nicht über diese Zeit reden wollten und dass da eine große Angst war.

Meine Mutter musste sich oft mittags hinlegen, weil sie total erschöpft war und nachts oft schrie, weil sie keine Luft bekam. Aber beide Eltern waren ungeheuer tolerant und hilfsbereit. An unserer Haustüre wurde nie ein Bettler abgewiesen.

Ich konnte mir auf all‘ dies keinen Reim machen. Ich war verunsichert und wollte doch so gerne sein wie alle anderen, aber da war irgendeine Barriere, die nicht zu überwinden war. Die Folge war, dass ich häufig krank wurde und unter Migräne litt. Ich lachte wohl kaum, aber das haben mir Mitschülerinnen erst später erzählt.

Doch dann kam eine unerwartete Wende. Und jetzt muss ich ein bisschen ausholen. Ich hatte Großeltern in Mannheim. Väterlicherseits meine Oma Helene und Opa Willi Georg Pfister, mütterlicherseits Oma Marie und Opa Wilhelm Geng. Meine Großeltern väterlicherseits besaßen ein Mietshaus in K 4 und betrieben dort eine Wirtschaft.

Mein Vater betrieb in den 50iger und 60iger Jahren einen Schrottgroßhandel. Kleine Schrotthändler belieferten meinen Vater. Damit konnte man damals viel Geld verdienen. Ein Jude namens Frankfurter (jeder nannten ihn den alten Frankfurter) besaß auch einen kleinen Schrotthandel im Hafen. Ihn besuchte ich manchmal, wenn ich mit meinem Vater in die Firma ging. Ich war damals 14 Jahre alt, genauso wie ihr. Eines Tages fragte er mich, ob ich denn wüsste, dass mein Großvater väterlicherseits (also der Willi Georg Pfister) nicht mein richtiger Großvater sei. Ich wusste das natürlich nicht und fiel aus allen Wolken. Er erklärte mir dann, dass mein Vater das uneheliche Kind meiner Großmutter Helen gewesen sei und mein richtiger Großvater Louis Rhein, ein Mannheimer Jude, war. Ich fiel aus allen Wolken und war vollkommen perplex. Ich fragte meine Mutter und sie erzählte mir die ganze Geschichte.

Die Geschichte meiner Eltern

Mein Vater war tatsächlich das uneheliche Kind meiner Großmutter, die damals im Ballett des Nationaltheaters tanzte und die Bekanntschaft des Louis Rhein machte. Meine Mutter versicherte mir, dass Louis Rhein die große Liebe meiner Großmutter war und sie meinen Vater entsprechend verwöhnte. Warum die beiden nicht heirateten, weiß ich nicht. Meine Großmutter war damals 19 Jahre alt und Louis Rhein 52 Jahre alt. Vielleicht war einfach der Altersunterschied zu groß. Allerdings erkannte Louis Rhein meinen Vater als seinen unehelichen Sohn an und zahlte entsprechend eine Abfindung von 3.000 RM, was damals wohl eine hohe Summe war.

Ich denke, meine Großmutter muss sehr hübsch gewesen sein, denn 1922 (1914 kam mein Vater auf die Welt) heiratete sie den selbständigen Schlossermeister Willi Pfister, der auch bereit war, meinem Vater 1924 seinen Namen zu geben (das kam wohl einer Adoption gleich). Ihm gehörte auch das große Wohnhaus mit Wirtschaft in K 4, das heute noch existiert.

Damals war diese Gegend ein gutbürgerliches Viertel und ich denke, mein Vater hatte eine schöne Kindheit. Er absolvierte die Tulla Oberrealschule, wo er 1930 sein Reifezeugnis ablegte und dann eine Lehre zum Groß- und Einzelhandelskaufmann bei der Firma Fendel in Mannheim begann. Er wurde nach der Lehre festangestellt und blieb bis 1936. Der Direktor der Firma, Herr Kissel, schützte ihn, da in Mannheim viele wussten, dass er Halbjude war und ihn auch angriffen.

Auch meine Mutter arbeitete bei der Firma Fendel – damals hieß sie Annemarie Geng – als Sekretärin des Direktor Kissel. Sie lernten sich also im Betrieb kennen, das muss so 1935 gewesen sein. Hitler war schon zwei  Jahre an der Macht und die Juden wurden bereits ausgegrenzt.

Auch im Betrieb bekamen die beiden Schwierigkeiten. Immer öfter fand meine Mutter auf ihrem Schreibtisch Parolen wie „Judenliebchen“ oder „Rassenschande“, da in Mannheim die Herkunft meines Vaters ja bekannt war.

Gegen meinen Vater lag 1936 eine Anklage wegen Vergehens gegen das Blutschutzgesetz und andere Denunziationen vor. Direktor Kissel deckte aber meine Eltern, und Mannheim galt damals (zu Beginn der dreißiger Jahre) noch als „rot“, was einen gewissen Schutz bedeutete. Allerdings stand schon an den Lokalen und Restaurants „für Juden verboten“ und meine Mutter hatte Angst, wenn sie mit meinem Vater durch die Stadt ging, zumal er auch jüdisch aussah.

Von 1936 bei 1938 leistete er seinen Militärdienst beim 1. Aufklärungsbataillon unter Major von Lützow. Nach Beendigung seines Wehrdienstes kehrte er in die Firma Fendel zurück und arbeitete dort von Oktober 1938 bis August 1939.

Am 27.08.1939 wurde er zum Militär eingezogen. Meine Mutter erzählte mir, dass dadurch seine Lage noch gefährlicher wurde, da Juden der Wehrdienst verboten war und „ein Jude im Ehrenkleid“ sofort entlassen, ins Gefängnis und später ins KZ gekommen wäre.

Als Lösung gab es nur eine Heirat, denn zu diesem Zeitpunkt musste man, um heiraten zu können, einen Ariernachweis vorlegen. Vielleicht habt ihr schon erfahren, dass dies bedeutete, dass nachgeprüft wurde, ob es Vorfahren in der Familie gibt, die jüdischer Herkunft waren. Diesen Nachweis konnte mein Vater natürlich nicht erbringen.

Mein Vater fand aber einen Bürgermeister in einem kleinen Ort namens Schmitshausen bei Pirmasens, der bereit war, meine Eltern ohne Ariernachweis zu trauen. Dies war sehr mutig von ihm und meine Eltern waren ihm ewig dankbar. Allerdings mussten sie die ca. 80 km bis zu diesem Ort mit dem Fahrrad zurücklegen, was meiner Mutter ewig im Gedächtnis blieb sowie die Hochzeitsnacht, die sie in einer Scheune verbrachten.

Als ich etwa zwölf Jahre alt war, haben sie diesen Ort noch einmal mit uns und einem befreundeten jüdischen Ehepaar besucht. Dieses Mal natürlich mit dem Auto. Damals war mir allerdings noch nicht klar, was für eine besondere Bedeutung dieser Ort für meine Eltern hatte. Sie zogen dann in eine Wohnung nach Ludwigshafen, wo niemand ihre Geschichte kannte. 

Diese Heirat schützte meinen Vater.

Von 1941 bis 22.04.1945 war er beim Generalkommando in Wiesbaden stationiert. Dort wusste man, dass mein Vater Halbjude war, da zahlreiche Anzeigen gegen ihn eingingen. Laut Bescheinigung von Dr. Friedrich Krichbaum vom Generalkommando war ihm bekannt, dass mein Vater Halbjude war. Er habe ihn aber nach allen Richtungen geschützt und veranlasst, dass ihm das KVK I. und II. Klasse verliehen wurde, um nach außen hin eventuellen Angriffen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Diese Bescheinigung, die mein Vater bestätigte, half Dr. Friedrich Krichbaum nach dem Krieg zur Entnazifizierung, man nannte diese Schreiben „Persilschein“. Der Ausdruck kommt wohl vom „rein waschen“.

Nach Ende des Krieges machte sich mein Vater als Grossist in Wiesbaden selbständig. Aufgrund seiner Abstammung war er zu dieser Zeit nun privilegiert und als Verfolgter des Naziregimes anerkannt. Das erzählte mir alles meine Mutter, und zum Teil entnahm ich dies den Unterlagen, die ich nach seinem Tod fand. Mein Vater selbst erzählte nichts von dieser Zeit, wie so viele. Sie wollten einfach nur vergessen.

Das alles erfuhr ich, als ich so alt war wie ihr heute. Und die Tatsache, dass ich nun wusste, was in meiner Familie anders war, hat mich regelrecht befreit. Ich wurde mutig und frech, wechselte von der behüteten Thaddenschule aufs Gymnasium nach Ladenburg. Ich war froh über meine Herkunft, erzählte aber trotzdem niemandem davon, das war wie selbstverständlich für mich. Allerdings nahm ich ab diesem Zeitpunkt wahr, dass alle Geschäftspartner meines Vaters Juden waren, die aus Frankreich, Holland, England, der Schweiz und sogar aus Amerika zu uns kamen. Auch im Urlaub lernten wir immer Juden kennen, und da viele Engländer waren, dachte ich, das Beste wäre, ich heirate einmal einen englischen Juden.

Ja und dann kamen wir im Geschichtsunterricht, so wie ihr jetzt an den Punkt, wo auch das „Dritte Reich“ behandelt werden sollte. Damals hat man versucht kein großes Thema daraus zu machen. Unsere Geschichtslehrerin war eine so genannte „Deutschnationale“. Das heißt, sie predigte uns: „Ein deutsches Mädchen isst kein Eis auf der Straße“ oder „ein deutsches Mädchen trägt keine Hosen“. Das fanden wir nur zum Kichern, aber als sie dann behauptete, von all den schrecklichen Dingen, die unter dem Terror der Nazis verübt wurden, nichts gewusst zu haben und dass das deutsche Volk an sich unschuldig sei, ging ich auf die Barrikaden. Ich erklärte ihr, dass jeder, der sehen wollte, sehen konnte und dass die Reichspogromnacht, damals noch Reichskristallnacht genannt, jeder mitbekommen hatte. Und, dass meine Eltern auch über die KZs Bescheid wussten. Ich war jedenfalls nicht mehr die angepasste Musterschülerin, sondern absolut außer mir. Daraufhin wurde meine Mutter in die Schule bestellt, weil sie sich über mein Benehmen beim Direktor beschwert hatte. Meine Mutter erzählte ihr dann unsere Familiengeschichte und dass meine Aufregung absolut berechtigt sei. Daraufhin schaute Fräulein Hartmann mich an und meinte: „Sie sehen ja gar nicht so aus“. Zu dieser Zeit war ich 16 Jahre alt, und ab dem 16. Lebensjahr wurde man in der Schule gesiezt.

 

Ich habe auch Antisemitismus erlebt. 

Ich war etwa 20 Jahre alt und arbeitete in der Firma meines Vaters. Ich musste geschäftlich auf die Bank und lief auf der Straße am Kurfürstenring zur Bank für Gemeinwirtschaft. Da spuckte eine Frau vor mir aus und schrie: „Wie sich die jüdischen Weiber schon wieder kleiden.“ Der Grund war wohl, dass ich hübsch angezogen war, mit einem blauen Wintermantel mit silbernen Knöpfen und einem Hut. Ich bin heulend in die Bank gerannt und habe dort von meinem Erlebnis erzählt. Die Frau konnte ja nicht wissen, was sie damit bei mir ausgelöst hatte.

Ich habe mich viel mit der Geschichte der Juden beschäftigt und habe auch versucht, etwas über meinen Großvater herauszufinden. Es gelang mir nicht. Dann zog ich nach Schwetzingen, und hier gibt es einen kleinen jüdischen Friedhof. Und da liegen ein Jakob Rhein und eine Sarah Rhein. Ich fragte mich, ob ich mit diesen beiden wohl in irgendeiner Form verwandt bin. Meine Recherchen führten mich nach Brühl, da gibt es eine Gedenkpalette für die Familie Rhein und auch eine kleine Broschüre. Ich machte auch den Verfasser der Broschüre ausfindig, aber auch er konnte mir nicht weiterhelfen.

 

Verwandtschaft in Little Rock

Ja, und dann geschah sozusagen ein Wunder. Durch einen Artikel in der Schwetzinger Zeitung fand ich meine Verwandten in Amerika. Sie konnten 1937 noch auswandern, zu einem Onkel in Little Rock.

Ich nahm Kontakt auf mit meiner Großcousine, die so alt war wie ich. Durch einen DNA-Test wurde festgestellt, dass sie meine nächste Verwandte ist. Ihr Großvater Karl war der Bruder meines Großvaters. Wir schrieben uns jede Woche, es war fast wie eine Liebesgeschichte. Leider wurde sie im Dezember 2022 sehr krank, es wurde ein aggressiver Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt. Anfang Februar 2023 bin ich dann ganz spontan nach Little Rock gereist und konnte meine Cousine noch einmal in die Arme nehmen. Wir haben beide bitterlich geweint.

Sie starb drei Wochen nach meinem Besuch. Noch heute habe ich Kontakt mit Ihrer Tochter.

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