Nora HespersEigentlich wollte ich die Geschichte meines Großvaters erst zu Ende erzählen, bevor ich das schreibe, was jetzt kommt. Weil das, was jetzt kommt, so viel näher an mir dran ist. Und weil ich dabei von mir erzählen muss. Nicht durch die Blume, sondern direkt. Und das, obwohl ich für die Geschichte gar nichts kann. Aber sie ist nun mal in mir. Und deshalb kann oder muss ich sie erzählen.

Wenn meine Familie früher am Sonntagmorgen am Frühstückstisch saß und mein Vater dabei war, dann schaute er erst mal in den Brotkasten. Obwohl auf dem Tisch frisch duftende, warme Sonntagsbrötchen lagen. Er holte einen Kanten Brot raus, schaute ihn von allen Seiten an – und dann war schnell klar, warum niemand von uns mehr an diesem Brot war. Schimmel! Meinen Vater hat das nicht gestört. Er ist ab damit zum Waschbecken, hat den Schimmel abgewaschen und das Brot gegessen. Genau so ging er vor mit verschimmeltem Käse, verschimmelter Marmelade und verschimmeltem Obst. Ich bin bis heute vorsichtig, wenn mein Vater mir ein Stück selbst gebackene Obsttorte anbietet. Aus Gründen.

Mein Vater ist Jahrgang 1931. Für alle, die diesen Blog nicht regelmäßig verfolgen: mein Vater ist der Sohn des Widerstandskämpfers Theo Hespers und auf der Flucht groß geworden. Als er zwei Jahre alt war, musste er Deutschland verlassen. Er ist in den Niederlanden und in Belgien groß geworden. Mit einem Vater, der für seine politische Arbeit viel unterwegs war. Für ihn ein Abenteuer. Nur das ständige Umziehen hat ihn genervt. Richtig schlimm wurde es, als die Nazis im Mai 1940 in die Niederlande einmarschierten. Mein Vater hat die ersten Luftangriffe erlebt. Er hat in Häusern übernachtet, mit seiner Familie an die Wände gepresst in der Hoffnung, nicht unter Trümmern begraben zu werden, wenn die Bomben das Haus zerstören. Er hat eine Bombennacht in einem Keller in Belgien erlebt. Alle Menschen dicht an dicht gedrängt. Er erinnert sich daran, dass er Bier zu trinken bekommen hat, weil es nichts anderes gab. Und dass er sich am nächsten Tag furchtbar davon erbrochen hat, weil das Bier schlecht war. Vielleicht haben ihn die Erwachsenen aber auch einfach abgefüllt, um ihm die Angst zu ersparen. Er hat mit seinen Eltern an fremde Türen geklopft, um nachts ein Dach über dem Kopf und Schutz vor Luftangriffen zu haben. Manche Menschen haben die deutsche Familie aufgenommen und sie im Treppenhaus schlafen lassen. Manche haben ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen, weil sie Deutsche waren. Für eine Erklärung, dass mein Großvater gegen die Nazis gekämpft hat, war keine Zeit.Irgendwann ist die Familie über Brüssel dann nach Antwerpen gekommen. Und von dort ins belgische Halle, wo mein Großvater in einem Waisenhaus als Hausmeister arbeitete. Mein Vater gehörte einfach zu den anderen Jungs dort. Das Waisenhaus war streng katholisch, was hieß: es durfte sich “untenrum” nicht gewaschen werden, weil es unsittlich war, sich da anzufassen. Ich möchte mir nicht vorstellen, welche hygienischen Zustände das waren. Durch den Krieg war auch in Belgien die Nahrung knapp. Für ihr Essen mussten die Jungs selber sorgen. Es gab Haferbrei, der immer und immer mehr mit Wasser verlängert wurde. Haferbrei “met Strontjes”. Strontjes klingt zwar wie Streusel – zumindest habe ich früher immer an Streusel gedacht, wenn mein Vater mir die Geschichten erzählt hat. In Wirklichkeit waren “Strontjes” aber gemahlene Rattenköttel. Weil die Jungs sich nicht die Mühe gemacht hatten, das Getreide vorher ordentlich zu säubern und die Rattenköttel da rauszufischen.

Theo HespersNachdem mein Großvater 1942 in Antwerpen verhaftet wurde, haben sie meinen Vater in seine Heimat zurückgeschickt. Nach Mönchengladbach. Eine Heimat, die er zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht mehr kannte. Von seinen neun Lebensjahren hatte er sieben auf der Flucht verbracht. Im Oktober 1943 erfährt er, dass die Nazis seinen Vater ermordet haben. Dann wird er mit einer Tante und ihren beiden Kindern bei einem Bombenangriff verschüttet. Seine Tante überlebt den Angriff nicht. Mein Vater hat ein geplatztes Trommelfell. Und abermals geht es auf die Flucht. Diesmal nach Aken an der Elbe. Dort erlebt er das Ende des Krieges.Was er auf der Rückreise nach Mönchengladbach erlebt, erzählt er im Mai 2015 bei einem Interview. Es ist das erste Mal, dass mein Vater nicht von der Zeit in Holland oder Belgien spricht, sondern von dem, was er danach erlebt hat. Ich habe diese Geschichte vorher nie gehört. Aber sie lässt mich bis heute nicht los. Mein Vater erzählt all diese Geschichten als wären sie ein einziges Abenteuer gewesen. Das macht es leicht, ihm zuzuhören. Und trotzdem bin ich erschüttert. Denn auf dem Rückweg vom Osten Deutschlands nach Mönchengladbach, ganz im Westen, müssen sie an den russischen Grenzposten vorbei. Neben meinem Vater und meiner Oma ist noch einer ihrer Brüder und eine Nachbarin oder Freundin dabei. Völlig ungetrübt weist der Onkel meines Vaters die Nachbarin an, mit einem der Russen kurz hinterm Gebüsch zu verschwinden, damit sie die Grenze überqueren können. Als mein Vater gefragt wird, wie er das alles aufgenommen oder ertragen hat oder was er denn dabei gefühlt hat, ist sein Gesicht plötzlich wie versteinert.Als mein Vater gefragt wird, wie er das alles aufgenommen oder ertragen hat oder was er denn dabei gefühlt hat, ist sein Gesicht plötzlich wie versteinert.

Mein Vater ist heute 84 Jahre alt. Ich bin jetzt 37. Ich bin aufgewachsen mit einem Vater, der seine schweren Kriegstraumata nie verarbeitet hat. Mit einem Vater, der selber nie wirklich einen Vater gehabt hat. Nicht, weil mein Großvater sich nicht um ihn hätte kümmern wollen. Aber mein Großvater hat seine Energie darein gesteckt, sein Land zu retten – und seine Familie auf der Flucht zu ernähren. Dafür war er viel unterwegs. Und mein Vater und meine Oma waren die meiste Zeit auf sich alleine gestellt. Ich bin aufgewachsen mit einem Vater, der so alt ist wie meine Großeltern. Der verschimmeltes Brot gegessen hat. Und der sich nie sonderlich um seine Kinder gekümmert hat. Ich habe sehr lange gebraucht, um zu begreifen, was das eigentlich mit mir macht. Warum mein Vater sich nicht wie andere Väter für seine Tochter interessiert. Warum da keine Liebe war zwischen ihm und mir. Versteht mich nicht falsch, ich hatte durchaus Spaß mit meinem Vater. Wir sind mit Gitarren und Lagerfeuer aufgewachsen. Wir waren ganz schön frei, viel draußen in der Natur, sind mit vielen verschiedenen Menschen in Berührung gekommen. Und mein Vater ist ein wunderbarer Erzähler. Seine Gute-Nacht-Geschichten waren ein Knaller! Aber seit ich ungefähr acht Jahre alt bin, fehlt mir das, was andere Kinder einen Vater nennen. Einer, der sich kümmert. Der mich in den Arm nimmt, wenn die Welt da draußen untergeht. Der mal anruft, um zu fragen, wie es mir geht. Bei dem ich das Gefühl habe, egal was passiert, ich kann mich immer auf meinen Vater verlassen. Wenn alles schief geht, dann regelt der das. Diesen Vater gibt es nicht für mich. Diesen Vater hat mir ein Krieg genommen, der 33 Jahre vor meiner Geburt zu Ende ging. Für den er nichts kann und für den ich nichts kann. Weil mein Vater durch alle diese Erlebnisse schwer traumatisiert ist. Und ich schreibe bewusst ist. Denn erst vor wenigen Jahren sind diese Kriegstraumata bei ihm wieder hervorgebrochen. Vielleicht sogar zum ersten Mal so richtig in seinem Leben.

Zwei Jahre lang war er schwer depressiv, konnte das Haus nicht verlassen, ist völlig abgemagert, hatte Panikattacken und Beklemmungen. Und auch ich habe heute noch Angst. Ich bin mit der Geschichte meines Großvaters aufgewachsen. Damit, dass es tödlich sein kann, seine Meinung zu sagen. Oder eine andere Meinung als die vorherrschende öffentlich zu vertreten. Als ich vor zwei Jahren meinen ersten Radiojob als eine Art Co-Moderatorin hatte, hätte mich diese Angst fast aufgefressen. Es ging nur um Fußball. Nicht um Politik. Und trotzdem war da diese Angst, die eigene Meinung zu sagen. Öffentlich zu sein. Angreifbar zu sein für all jene, denen nicht gefällt, was ich sage. Diese Angst hätte mich fast fertig gemacht. Es ist die gleiche Angst, die ich habe, wenn ich Blogartikel wie diesen hier verfasse. Die gleiche Angst, die ich hatte, als ich dieses Blog vor etwas weniger als einem Jahr veröffentlicht habe.

Mir kommt das manchmal furchtbar absurd vor. Alle um mich herum bloggen oder posten, was das Zeug hält. Niemand außer mir scheint dabei auf die Idee zu kommen, dass das vielleicht gefährlich sein kann. Nur ich habe diese bescheuerte Angst. Aber immerhin weiß ich, woher sie kommt: sie kommt aus der Vergangenheit. Sie ist mit dem langen Atem dieser Familiengeschichte zu mir herübergeweht. Was ich mit diesem endlos langen Text sagen möchte (vielen Dank an alle, die es bis hierher geschafft haben): Die Menschen, die vor Krieg, Hunger und Not zu uns flüchten, die das Risiko auf sich nehmen, im Meer elendiglich zu ertrinken, weil Leben dort wo sie her kommen ebenso wenig eine Option ist, diese Menschen brauchen unsere Hilfe. Sie brauchen unser Willkommen. Und sie brauchen vor allem unsere menschliche Wärme. Wenn es uns nicht gelingt, sie aufzunehmen und ihnen die Chance zu geben, ihre Traumata zu überwinden, werden sie sich fortpflanzen in die nächste Generation. Dann wird auf Gewalt Gewalt folgen und auf Herzenskälte Herzenskälte. Dann werden sie ihr Leben lang ums Überleben kämpfen. Wenn nicht am Tag, dann in der Nacht in ihren Träumen. Und nach ihnen ihre Kinder und Enkel. Ich habe das unfassbare Glück, in Zeiten zu leben, in denen ich all das Geschehene reflektieren kann. Weil hier Frieden ist. Und weil ich keine anderen Sorgen habe. Ich muss nicht um mein Überleben kämpfen. Ich hatte eine gute Ausbildung. Ich habe Arbeit. Ich kann mich ernähren und kleiden. Und ich kann frei meine Meinung äußern, auch wenn ich immer noch Angst davor habe. Aber das ist OK. Allen, die bereits aufopferungsvoll helfen, möchte ich sagen: Danke! Ihr macht einen unfassbar wichtigen Job! Allen, die noch zögern, möchte ich sagen: Wenn ihr die Gelegenheit habt, dann helft. Es ist eine Investition in die Zukunft. Allen, die für sich keine Möglichkeit sehen zu helfen, möchte ich sagen: Ihr werdet bestimmt die Gelegenheit bekommen, etwas zu tun. Manchmal sind es die kleinen Gesten, die helfen. Manchmal ist es einfach nur ein freundliches Lächeln zur rechten Zeit. Eine warme Geste des Willkommens.