Ricardo Lenzi LaubingerAls ich 1965 eingeschult wurde, hatte ich einen schönen Anzug an, bekam eine Schultüte und mir wurde wie allen Kindern eine gelbe Erstklässlermütze aufgesetzt. Mein Gott war ich stolz! Meine Eltern setzten mich in unserer Küche auf einen Stuhl und sprachen mit mir über die Schule. Dieses Gespräch werde ich nie vergessen. Sie sagten: „Ricardo, du bist etwas dunkler als dein Bruder Gregor. Wenn du jetzt in die Schule gehst, musst du folgende Dinge beachten. Du erzählst niemandem dass du ein Sinto bist. Du spielst am besten nur mit Kindern, die du schon kennst und du sprichst kein Wort Romenes!“

Trotzdem war der erste Tag in der Schule sehr schön. Ich hatte eine sehr nette Lehrerin, sie hieß Frau Koch. Dann, einige Wochen später, wurde sie von einem älteren Lehrer vertreten. Er betrat den Klassenraum und wir Schüler standen, wie damals üblich, zur Begrüßung auf und stellten uns neben die Tische. Er sah sich stumm die Schüler an und fragte dann laut: „WO IST DER ZIGEUNERJUNGE?“ Ich meldete mich, woraufhin er zu zwei anderen Schülern, die ganz hinter saßen, sagte: „Ihr kommt mal hier vor und setzt euch an den Tisch hier vorne, und DU“, sagte er dann zu mir, „setzt dich besser mal da hinten alleine hin. Nicht dass die anderen hier noch Läuse bekommen!“ Ich setzte mich also alleine in die letzte Reihe und wusste nicht recht, was geschehen war. Hatten meine Eltern das gemeint, als sie mit mir über die Schule gesprochen hatten?

Dann musste ich irgendwann zur Toilette und meldete mich. Der Lehrer sagte: „Das kannst du noch bis zur Pause einhalten!“ Bis zur nächsten Pause waren es aber noch eineinhalb Stunden. Ich setzte mich also wieder hin, doch es wurde immer dringender. Ich meldete mich also aufs Neue: „Bitte ich muss wirklich dringend auf die Toilette!“ Der Lehrer sagte: „Komm mal vor!“ Ich ging nach vorne und er sagte: „Stell dich mal hier in die Ecke, mit dem Gesicht zu deinen Klassenkameraden, die alle bis zur Pause warten können, wenn sie zur Toilette gehen müssen. Dir werde ich noch Disziplin beibringen!“ Ich stand also da und meine Notdurft wurde immer dringender. Ich fing an zu zappeln und die anderen Kinder lachten laut über mich. Dann passierte es - ich machte mir mit meinen sechs Jahren in die Hose. Da packte mich der Lehrer wutentbrannt an den Haaren, zerrte mich aus dem Klassenraum und sperrte mich in eine Besenkammer. Dort blieb ich in meiner nassen Hose bis zur großen Pause eingesperrt. Dann kam er zurück, er hatte einen Zeigestab dabei und verhaute mich damit. Ich riss mich los und lief schreiend davon.

Als meine Eltern mich sahen, wurden sie sehr wütend. Sie gingen mit mir in die Schule und ich zeigte ihnen den Mann, der so mit mir umgegangen war. Mein Vater sagte zu dem Lehrer, dass die Zeiten, in denen man so mit uns Sinti umgehen konnte, vorbei waren und dass er ihn bei der Polizei anzeigen würde. Darauf erwiderte der Lehrer lächelnd: „Ja und? Was glauben sie denn, was mir passiert, wenn SIE ... MICH anzeigen?“ Mein Vater wurde kreidebleich und sagte: „Ja, es ist besser ich erledige die Anzeige jetzt gleich selbst!“. Er verprügelte den Lehrer nach Strich und Faden und rastete dabei vollkommen aus. Er war wie von Sinnen und schrie immer wieder: „Durch solche Schweine wie dich, habe ich meine beiden Kinder in Auschwitz verloren!“ Die anderen Lehrer riefen die Polizei und mein Vater wurde von mehreren Polizisten von dem Lehrer weggezerrt. Ein anderer Lehrer, Herr Karl, sagte währenddessen leise zu meiner Mutter: „Bravo, das hat ihr Mann gut gemacht! Bravo!“

Die Anzeige des Lehrers gegen meinen Vater wurde später eingestellt. Die Anzeige meiner Eltern gegen den Lehrer aber auch! Meine Eltern ließen mich dann einige Zeit nicht mehr in die Schule gehen, denn sie sagten: „Wir schicken unsere Kinder in die Schule, damit sie dort etwas lernen und nicht, damit sie verprügelt werden.“ Dann kam ein Schreiben der Schulbehörde in dem stand, dass ich aufgrund, des bei mir doch sehr stark in Erscheinung tretenden „Artistenblutes“ noch viel zu verspielt sei und erst im nächsten Jahr eingeschult werden sollte.

Als ich dann im darauf folgendem Jahr erneut eingeschult wurde, hatte sich in den beiden Schulen, die direkt nebeneinander lagen und sich einen Hof teilten, einiges geändert. Die Heinrich-von-Kleist-Schule, die ein Jahr zuvor noch eine reine Jungenschule gewesen war, war nun eine gemischte Hauptschule und die direkt daneben liegende Friedrich-von-Schiller-Schule war jetzt eine Grundschule für Mädchen und Jungen, in die ich nun gehen sollte. Ich hatte Angst. Meine Eltern sagten, wenn irgendetwas sei, solle ich es ihnen sofort mitteilen.

Doch es hatte sich wirklich viel geändert. Meine Klassenlehrerin, Fräulein Meudt, war eine sehr nette Frau, bei der ich sehr viel lernte. Auch andere Lehrer waren sehr nett. Zum Beispiel der schon erwähnte Herr Karl. Sein linker Arm war um einige Zentimeter kürzer als der rechte. Er lud einige Kinder, auch mich, nach der Schule in seinen Garten ein und wir halfen ihm dort bei der Ernte und allen möglichen anderen Gartenarbeiten. Es war sehr schön und wir hatten viel Spaß. Als wir irgendwann wieder einmal in seinem Garten waren, erzählte er mir, dass auch er nur knapp der Vergasung entgangen war, und zwar in Hadamar. Hadamar war ein Ort, an dem behinderte Menschen von den Nazis ermordet wurden. Auch Herr Karl war aufgrund seiner Behinderung dorthin gebracht worden. Doch bevor man ihn ermorden konnte, kam die US-Armee und befreite die noch lebenden Insassen. Er erzählte mir, dass in Hadamar keine Gaskammer gewesen war, als er dorthin kam. Die armen Menschen waren in Kastenwagen gesperrt worden, in die dann mit einem Schlauch die Abgase des laufenden Motors geleitet wurden, bis sie auf qualvolle Weise den Tod fanden. Herr Karl sagte zu mir: „Weißt du Ricardo, das können andere Leute gar nicht verstehen. Nur solche Menschen wie wir es sind. Ich hoffe, dass die Amerikaner für ewig und alle Zeiten hier bleiben. Dann kann so etwas vielleicht in Zukunft nicht mehr passieren. Aber wer weiß? Niemand kann in die Zukunft schauen.“ Auch Hadamar war eine Tötungsfabrik gewesen. Egal ob Juden, Zigeuner oder Behinderte, alle waren gleich für die Nazis - sie waren in ihren Augen nicht Wert zu leben. Deswegen hatte Herr Karl wohl auch so viel Verständnis für die Reaktion meines Vaters gehabt.

Unser Vater Karl (Waddel) Laubinger war von 1943 bis zur Befreiung in Auschwitz und hatte, wie alle KZ-Häftlinge, sehr gelitten und nur knapp überlebt. Durch diese Qualen hatte er mehrere Krankheiten bekommen, die nie mehr heilten. Doch am schlimmsten waren, wie bei allen Überlebenden der Konzentrationslager, die seelischen und psychischen Leiden, die diese Menschen bis an ihr Lebensende nicht mehr losließen. Wenn mein Vater sich manchmal nach Feierabend oder am Wochenende nachmittags auf die Wohnzimmercouch legte und einschlief, wollte ihn keiner von uns Kindern wecken. Denn wenn er geweckt wurde, sprang er erschrocken auf, schrie laut und schlug manchmal sogar um sich, weil er dachte er befände sich in Auschwitz.

Als in meiner eigenen Schulklasse in den 1970er Jahren das Thema Nationalsozialismus und Konzentrationslager durchgenommen wurde, sagte meine Lehrerin zu mir, ich solle doch meinen Vater einmal fragen, „wie das denn so war in Auschwitz“. Ich wusste, dass es nicht einfach werden würde. Ich fragte meinen Vater als ich mit ihm alleine war: „Dada, wir nehmen gerade dieses Thema in der Schule durch. Ich soll dich fragen, wie das denn so war?“ Er sah mich schweigend an, nahm mich in den Arm und sagte: „Wie das denn so war? Sag Ihnen, dass es schrecklich war!“ Sonst sagte er nichts.

Doch ich hatte einmal heimlich mit angehört, wie sich mein Onkel Peter, der mit Sinti-Namen Sink hieß, mit unserem Vater über Auschwitz unterhielt. Sie sprachen über eine Frau, die im Lager auf einem Pferd angeritten kam und vor der einige Gefangene nackt antreten mussten. Diese Gefangenen hatten alle Tätowierungen. Ich glaube, es war die Frau des Lagerkommandanten. Sie betrachtete die Entblößten genau und sagte dann zu den anwesenden SS-Männern: „Dieser hier und dieser hier und der da… Aber passt auf, dass die Tätowierungen nicht beschädigt werden.“ Die anderen Gefangenen wurden weggeschickt. Die ausgesuchten wurden sofort erschossen und es wurde ihnen die Haut mit den Tätowierungen abgezogen. Hieraus ließ sich die Frau des Kommandanten Lampenschirme oder ähnliches machen. Davon erzählte ich dann in der Schule. Meine Lehrerin sah mich nur an und fragte mich dann, ob mein Vater mir das erzählt habe. Ich habe ihr die Wahrheit gesagt. Sie sah mich wieder an und sagte: „Ich glaube, wir sollten das Thema besser später durchnehmen.“ Sie drehte sich um und fing an zu weinen. Wir Kinder waren verwirrt. Sie verließ den Klassenraum und kehrte in Begleitung eines anderen Lehrers zurück. Sie sagten uns, wir sollten nach Hause gehen und erst am nächsten Tag wieder in die Schule kommen.

Im Alter von 67 Jahren wurde mein Vater schwer krank. Er starb am 04. Januar 1976.