Christine Stark

Christine Starks Vater Josef Stark wurde aufgrund seiner jüdischen Abstammung von den Nationalsozialist:innen verfolgt und schließlich in das KZ Bergen-Belsen deportiert. Im als "Zug ins Leben" bekannten Transport wurde er kurz vor Kriegsende am 7. April 1945 von der SS Richtung Theresienstadt geschickt. Doch der Zug konnte am 13. April 1945 von US-Amerikanern in der Nähe des Dorfes Farsleben befreit werden. Auch Christines Großeltern wurden von den Nationalsozialist:innen deportiert – und ermordet.

In den 1960er Jahren emigrierte Josef Stark nach Köln. Auch Christine Stark verließ während der Herrschaft der Kommunistischen Partei die Tschechoslowakei und emigrierte. Nach einigen Jahren in der Schweiz zog auch sie nach Köln. Sie begann, sich intensiv mit ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen und engagiert sich heute als Zeitzeugin.

 


Geglättete und gekürzte Darstellung des Interview-Transkripts mit Christine Stark, Juni 2026.

 

Mein Name ist Christine Stark.

Ich lebe seit 20 Jahren in Köln, ursprünglich stamme ich aus der Tschechoslowakei. Geboren bin ich in Nitra im Jahr 1942 zur Zeit des Slowakischen Staates. Das erste Mal war ich 1965 in Köln, nachdem ich aus der Tschechoslowakei geflüchtet bin. Dann zog ich aber zunächst in die Schweiz, bevor ich nach Köln zurückkehrte.

 

Wie hat deine Familie vor Beginn der NS-Zeit gelebt?

Mein Großvater väterlicherseits ist nach dem Ende des Ersten Weltkrieges nach Nitra gezogen, weil meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, aus Nitra stammte. Während der Zeit des Ersten Weltkriegs konvertierten viele Juden zum Christentum, auch mein Großvater konvertierte Dank der Familie meiner Großmutter. Mein Großvater kam eigentlich aus Liptovský Mikuláš in der Nordslowakei, dort hatte seine Familie eine Spirituosenfabrik. In Nitra kaufte er ein Haus und gründete ein Gartenkino mit Kaffeehaus. Im Kino wurden wunderbare amerikanische Filme gezeigt. Damit war unsere Familie Teil der High-Society in Nitra. All das war noch während der Zeit der schönen Tschechoslowakischen Republik – vor dem Münchner Abkommen.

Die Familie meiner Mutter wiederum war eine ungarisch-katholische Familie, eine gutbürgerliche Metzgerfamilie. Sie war gebürtige Csiffary, geboren in einer kleinen Gemeinde im Westen der Slowakei. Ihr Vater – mein Großvater – war ein Ungar durch und durch. 

Als meine Eltern sich verliebten, war die Familie meiner Mutter nicht begeistert, dass sie heiraten wollten.

Aber sie waren verliebt und dann gab es kein Zurück – auch wenn meine Mutter gewarnt worden ist: Denn aus Nachrichten aus Deutschland war schon bekannt, was den Juden blühte. Obwohl mein Vater ein Konvertierter war, hat die Familie schon geahnt, dass das nicht viel nützt. Meine Eltern heirateten am 18. April 1939, zwei Tage vor Adolf Hitlers Geburtstag. Auch damals gab es schon erste Anzeichen, dass für Juden schwere Zeiten drohen. Aber mein Großvater war sehr weitsichtig und hatte all sein Eigentum auf meine Mutter überschrieben. Somit hat er in der Familie alles "arisiert". Zwei Jahre später wurde im September 1941 dann der Judenkodex erlassen, ein slowakisches Pendant der Nürnberger Gesetze.

 

Natürlich haben meine Eltern von den Deportationen gewusst. 

Ich habe eine Urkunde aus dem Jahr 1941 gefunden, laut der meine Großeltern väterlicherseits und mein Vater als "Nichtjuden" galten. Das war eine Art Ariernachweis, wie es sie auch in Deutschland gab. Für meinen Vater und seine Eltern galten also Ausnahmeregelungen, die sie erst einmal vor Verfolgung schützten.

Im Juni 1941 musste mein Vater sogar als Oberleutnant in Reserve an die Ostfront, wo er an den Kämpfen der Operation Barbarossa, der Invasion von Hitler-Deutschland und den Achsenmächten in die UdSSR, teilnahm. In der Ukraine war er unter anderem mit den Massengräbern nach dem Massenmord an der jüdischen Bevölkerung konfrontiert. Er war so entsetzt, dass er nicht viel darüber gesprochen hat. Er hat einige Fotos nach Hause gebracht. Ich habe die Fotos als junges Mädchen gesehen. Und das hat ihn so getroffen, dass er den Dienst quittiert hat. Wie er das aber gemacht hat, weiß ich bis heute nicht. Mein Vater war unheimlich gut in verschiedenen Ausreden.

Ein Jahr später, 1942, kam ich auf die Welt. Und meine Eltern haben gedacht, dass uns nichts passieren könne. Ob sie damals schon gewusst haben, dass es Auschwitz gibt, das weiß ich nicht. Sie haben zunächst so gut wie möglich und ohne große Probleme leben können und in den Kinos gearbeitet.

Mein Vater wurde im Jahr 1944 zum ersten Mal deportiert.

Das erste Mal ist er ungefähr im September 1944 verhaftet worden. Damals sind die 
SS Leute mit einem LKW durch die Hauptstraße gefahren und haben alle deportiert, die Zuhause waren – auch meinen Vater mit meinem Großvater. Die Großmutter wurde im Krankenhaus versteckt, aber auch sie ist aus dem Krankenhaus mit einem Zug – man konnte auf das Krankenhausgelände fahren – entweder in das Konzentrationslager Sered oder direkt nach Auschwitz deportiert worden, das weiß ich nicht. Dass sie aber nach Auschwitz deportiert worden ist, das weiß ich. Da gibt es Zeugen.

 

Ich kann mich sogar erinnern, wo mein Großvater stand.

Er stand an einer Kommode, als die Bedienstete reingekommen ist und sagte: "Die kommen und die holen alle." Mein Vater hat meinen Großvater begleitet. Sie sind zusammen ohne Widerstand mitgegangen. In dem Lastwagen waren noch andere Leute, unter anderem auch der Cousin meines Vaters, Dr. Paul Verö, der Sportler war. Und er sagte zu meinem Vater: "Dodo", das war der Spitzname meines Vaters, “Dodo, lass uns flüchten.”

Als der Lastwagen an einem Bürgersteig in der Stadt zum Stehen kam, ist der Cousin meines Vaters dann aus dem Fenster in der Plane des Lastwagens mit den Füßen nach vorne rausgesprungen. Aber da stand die SS und hat ihn geschnappt, weil jemand sie darauf aufmerksam gemacht hat, dass ihnen einer davonläuft.

Mein Vater musste mit meinem Großvater bis nach Sered, das war ein Lager wie Theresienstadt in Tschechien. Dort war er vielleicht 1-2 Wochen, bis er auf Intervention des Bischofs von Nitra aus dem Lager entlassen wurde.

Seinen Vater, meinen Großvater, musste er dort lassen.

Darunter, dass er seinen Vater zurücklassen musste, hat mein Vater, glaube ich, das ganze Leben gelitten. Mein Großvater wurde dann von Sered direkt nach Auschwitz deportiert. Mein Vater war etwa einen Monat zuhause. Aber dann kamen sie wieder. Mein Vater hat sich oben auf dem Estrich versteckt. Ich kann mich an den SS-Mann erinnern, der dabei war. Außerdem war noch ein Gestapo-Mann dabei, ein Tscheche. Die beiden wollten wissen, wo mein Vater ist. Meine Mutter hat gesagt, dass sie es nicht wisse. Die beiden haben sie bedrängt:

 

"Wenn Sie nicht sagen, wo er ist, nehmen wir Sie und Ihre Tochter mit." 

Das hat mein Vater oben gehört, und so kam er freiwillig raus. Sonst hätten sie meine Mutter und mich mitgenommen. Der SS-Mann hat ihn noch gesucht. Ich war noch klein, erst zweieinhalb, zweidreiviertel Jahre alt und saß am Wickeltisch meines Kinderzimmers. Er kam rein und suchte meinen Vater bei mir im Zimmer. Obwohl ich noch so klein war, kann ich mich erinnern. Denn ein fremder Mann in Uniform im Kinderzimmer ist für ein Kind sehr eindrücklich.

Mein Vater war ein paar Wochen in Sered, dann wurde er zusammen mit ungefähr 107 Männern mit dem Zug nach Bergen-Belsen gebracht. Aus dem Zug haben sie Zettel geworfen, die habe ich noch. Im KZ Bergen-Belsen wurde er am 7. Dezember 1944 registriert. Die Männer haben ihre Zivilkleider behalten können. In Bergen-Belsen hat man zu der Zeit die Kleider nicht gewechselt, es gab keine Häftlingskleider. Das war auch gut, denn so waren sie warm angezogen. Mein Vater hatte sogar Schokolade im Mantel eingenäht, ein Stück hat er noch zurückgebracht. Er hat es so aufbewahrt, dass er es zurückgebracht hat. Natürlich hatten sie dort die ganze Zeit Hunger. Es grassierte dort Typhus, es war wirklich eine Hölle. Das Lager war nur dafür da, die Leute einfach irgendwo einzulagern, ohne sich um sie zu kümmern. Wer stirbt, stirbt.

Natürlich mussten sie im Lager arbeiten. Sie haben immer darauf geachtet, dass alle strammstehen, dass keiner Schwäche zeigt. Wenn jemand so krank war, dass er nicht zum Appell antreten konnte, haben sie ihn trotzdem mitgezählt. Es gab Tricks, sich gegenseitig zu schützen.

 

Diese 107 Leute überlebten alle, bis sie am 7. April 1945 im Zug abtransportiert wurden.

Es gab drei Züge, die eigentlich alle nach Theresienstadt gehen sollten. Denn die Nazis wollten die Häftlinge als Geiseln gegen gefangene Deutsche tauschen. Einer war der „verlorene Zug“, der von den Russen befreit wurde. Und dann gab es den „Zug ins Leben“, den haben die Amerikaner befreit. Der dritte Zug fuhr nach Theresienstadt.

Mein Vater war im zweiten Zug. Die Menschen dort hatten das Glück, dass die Gleise gesprengt wurden. Sonst wären sie vielleicht woanders gelandet. Die SS konnte sich ausrechnen, dass sie zum Erschießen der 2.500 Menschen im Zug nicht ausreichend Munition hatten. Die Häftlingskarten haben sie aus dem Zug geworfen. Am 7. April ist der Zug in Bergen losgefahren, am 13. April wurde er befreit. Das waren sehr harte Tage dazwischen, denn sie alle hatten Hunger. Und das sieht man auch auf den Aufnahmen, die die Amerikaner gemacht haben, wie ausgehungert die Leute waren. 

 

Nach ihrer Befreiung wurden sie sehr lange von den Amerikanern aufgepäppelt.

Denn sie alle waren sehr schwach. Durch Zufall habe ich meinen Vater auf den Aufnahmen der Amerikaner entdeckt. Er war sehr dünn, auch im Gesicht. Mein Vater war eigentlich immer ein rundlicherer Typ. Aber auf den Fotos ist er schmal. Wenn man vier Monate nichts isst oder kaum etwas isst außer Rübensuppe, da hat man Hunger.

Sie alle wurden in das DP-Camp in Hillersleben gebracht. Als es meinem Vater besser ging, konnte er die Heimreise nach Nitra antreten. Als er in Prag ankam, konnte er am 30. Mai das erste Mal ein Lebenszeichen von sich geben: Ein Telegramm an meine Mutter. Es muss Anfang Juni gewesen sein, als er dann in Nitra ankam. Er schenkte mir einen roten Roller, in weißer Schrift stand vorne "Nitra" drauf. Meine Mutter hat ihn wahrscheinlich als Souvenir gekauft, damit er mir etwas aus seinem "Urlaub" mitbringen konnte.

Wir waren in der Zwischenzeit von den Russen befreit worden.

Wir hatten Glück gehabt, denn die russische Armee, die uns befreite, war sehr nett. In anderen Orten wurden viele vergewaltigt, meiner Familie wurde nichts getan. Ich weiß nicht, wie lange sie bei uns waren. Als mein Vater nach Hause gekommen ist, hat er die Kinos wieder geöffnet. Dann begann das "normale" Leben – mit Einschränkungen, die schon die Nachkriegszeit in der Tschechoslowakei mit sich brachte. 

Freunde meiner Familie hatten eine Vorahnung, dass es in der Tschechoslowakei schlimm wird, und dass mein Vater migrieren sollte. Mein Vater hatte sogar schon ein Visum. Aber er wollte nicht. Unterbewusst hatte er noch nicht damit abgeschlossen, dass seine Eltern nicht mehr leben. Er hat immer noch gedacht, dass sie irgendwann zurückkommen. Dabei kamen nach dem Krieg Zeugen, die mit meinen Großeltern jeweils im Waggon waren. Sie haben meinem Vater berichtet, dass seine Eltern nicht mehr leben konnten. Aber das hat er nicht richtig wahrgenommen.

 

Dann sind die Kinos verstaatlicht worden.

Die Kinos wurden allesamt verstaatlicht – auch das meiner Familie. Mein Vater war zwar noch Direktor des Kinos, aber es hat nicht mehr ihm gehört. In unserem Haus wurden wir außerdem gezwungen, in der unteren Etage ein Geschäft einzurichten. Ein Bücherladen wurde eröffnet, meine Mutter hat den geführt, bis wir aus Nitra nach Bratislava, dann weiter nach Gablonz vertrieben wurden. In der Schule in Gablonz habe ich meinen späteren Mann kennengelernt. Dort durfte ich als "Kapitalistenkind" nicht in Gymnasium Abitur machen. Auch er war ein solches "Kapitalistenkind".

Im September 1964, als Chruschtschow an der Macht war, wurde meinem Vater ohne größere Probleme die Auswanderung genehmigt. Er reiste nach Wien und von dort weiter nach Deutschland, denn in München und Köln hatte er Schulkameraden. Köln ist weit weg von der Tschechoslowakei, also zog er nach Köln. Ein Jahr später bekam ich auch die Ausreiseerlaubnis.

Zunächst kam ich ins Grenzdurchgangslager Friedland.

Ich habe gedacht, ich gehe in ein KZ. Denn als ich das Lager Friedland gesehen habe, waren die Baracken wie in einem KZ. Und da habe ich meinem Vater gesagt, dass das doch ein KZ sei. Und mein Vater, wie er so Humor hat, hat mir gesagt: "Guck mal, Krista, die Deutschen haben keine anderen Konstruktionspläne. Sie können das alles auf die gleiche Art bauen und darum sehen diese Baracken genauso aus wie die in Auschwitz oder woanders. Aber es ist kein Konzentrationslager." Er hat mich beruhigt, aber ich habe trotzdem 48 Stunden nicht gesprochen. 

Als ich damals nach Deutschland kam, habe ich mich erst einmal nicht viel mit meiner Familiengeschichte befasst. Aber als ich das erste Mal bei PAKH war, habe ich angefangen, mich intensiver damit auseinanderzusetzen. Irgendwann reiste ich zur Gedenkstätte Auschwitz. Als wir vor der Vitrine mit den Haaren standen, hat mir unser Guide erklärt, dass die letzten Transporte mit Haaren aus Auschwitz nach Deutschland vor September 1944 verschickt wurden.

Seitdem überlege ich, ob die Haare meiner Oma in der Vitrine liegen könnten. 

Zeitlich passt es, dass ihre Haare noch hier sein könnten – wenn sie sie ihr vorher noch geschoren haben, bevor sie in die Gaskammer gehen musste. Das sind so Sachen, über die denkt man das ganze Leben lang nicht, dass es möglich wäre – erst, wenn man vor Ort ist und mit dem Ganzen konfrontiert wird.

Christine Stark als Erzählerin anfragen

Sie suchen Erzähler:innen für Ihr Bildungsprojekt? Über den Bundesverband können Lehrkräfte, Schulen und andere Multiplikator:innen Nachkommen von NS-Verfolgten als Erzähler:innen für Workshops, Gespräche und Erzählcafés anfragen. Bei Interesse wenden Sie sich gerne per Mail an info@nsberatung.de.

Mehr Einblicke in Christines Familiengeschichte gibt es auf YouTube. In unserer Interview-Reihe „Stimmen der Folgegenerationen“ kommen Nachkommen von NS-Verfolgten zu Wort. Sie teilen ihre Familiengeschichten und sprechen sehr persönlich darüber, was die Verfolgung mit ihren Familien gemacht hat. Ein wiederkehrendes Thema: Traumata, die über Generationen nachwirken, und ein oft jahrzehntelanges Schweigen.

Zugleich berichten sie von ihren Perspektiven auf Erinnerungskultur in Deutschland, den gesellschaftlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit oder ihren Erfahrungen mit Antisemitismus.

Die Interviews finden Sie auf YouTube. Weitere Videos folgen.

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