Herbert Rubinstein

 

Ich bin 1936 in Czernowitz in der heutigen Westurkraine geboren. Unsere Familie war Teil der Stadtgesellschaft. Als ich geboren wurde, hatte Czernowitz ca. 80.000 Einwohner, 40% dieser Einwohnerschaft waren jüdischen Glaubens. Ob liberal oder säkular, spielte keine Rolle, aber der jüdische Glaube war ein Bindeglied zwischen den Menschen. Jüdische und nicht jüdische Menschen haben in diesem Ort ein Beispiel gegeben für das Zusammenleben der Kultur. Der Ort der ehemaligen Bukowina war ein Schmelztiegel und Einzugsbereich für sehr viele kleine Städte und Dörfer, dadurch gab es viele Sprachen. Das ist wahrscheinlich ein Grund warum ich später wo ich in Gymnasium kam gesagt habe: „Sprachen sind Verbindungen zwischen den Menschen“ und dafür, dass ich fünf Sprachen als Pflichtsprachen hatte und zusätzlich Spanisch genommen habe. Als ich das Gymnasium verlassen habe, konnte ich also sechs Sprachen sprechen und dies hat mir im meinem ganzen Leben wunderbargedient.

1936 zeichneten sich schon die Unruhen ab, der Zweite Weltkrieg hat sich lange angekündigt. Die Nationalsozialisten sind 1933 an die Macht gekommen. Aber in der Zeit zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und 1933 war nicht unbedingt eine heile Welt, es gab unheimlich viele Veränderungen. Das machte sich auch in dem damaligen Czernowitz bemerkbar, denn Czernowitz war Rumänisch, bevor es im Zweiten Weltkrieg zwischen 1940 und 1941 der ehemaligen Sowjetunion zufiel und danach wieder zu Rumänien gehörte, das mit dem Deutschen Reich verbündet war. Ein großer Teil der jüdischen Gemeinde von Czernowitz wurden ab 1941 deportiert und ermordet.

Wir als Juden sind immer die gebrannten Kindern gewesen in der Geschichte: Wenn irgendwo Unruhen waren oder schlechte wirtschaftliche Zustände herrschten, waren immer die Juden an allem Schuld. Verfolgungen jüdischer Menschen führten dazu, dass in vielen Familien die Idee entstand, auszuwandern. Auch bei uns. Meine Familie hat über eine freiwillige Auswanderung nachgedacht, aber dann kamen die Deutschen und es war zu spät. Wir kamen Mitte Oktober 1941 in ein Ghetto, ich war damals sehr klein. Von dort gingen die Züge in die Konzentrationslager. Aber wir hatten Glück.

Der Krieg war vorher da. Czernowitz wurde bombardiert, das war beeindruckend für mich als Kind, das nur die eine heile Welt nur kannte. Das auf einmal diese ganzen Trümmer herumlagen, Häuser zerstört waren. Das waren Eindrücke, die mich nie losgelassen haben. Die Zeit zwischen 1940 und 1941 wussten wir nicht, was geschehen würde. Oft hörten wir Schüsse. Es war nicht weit weg, wo die Artillerie feuerte, der Krieg war präsent, aber noch nicht greifbar. Die fing erst richtig an, als entschieden wurde, dass 1941 ein Ghetto errichtet werden sollte. Wo die Juden der Stadt zusammengetrieben würden.

 

Ghetto

Meine gottselige Mutter hat in einem Dorf bei Czernowitz die Schwester ihres Vaters zu uns ins Haus geholt mit ihrer Familie und die Schwester hatte sieben Söhne und eine Tochter und auf einmal waren diese ganzen Familienmitglieder bei uns in der Wohnung, lagen auf dem Boden auf Matratzen herum. Mir kam es ganz ganz komisch vor; Von den Verwandeten sind dann eine ganze Menge nach Südamerika ausgewandert, aber bald schon kam der Krieg und im Herbst 1941 der Befehl: alle Juden müssen ins Ghetto. Also haben wir die Wohnung verlassen, ich weiß nicht mehr, ob wir zu Fuß gegangen sind oder mit Lastwagen in dieses Ghetto gebracht wurden. Man muss sich vorstellen, wie dieses Ghetto ausgesehen hat. Ghetto bedeutet einen bestimmten Bezirk, in Venedig gab es den Stadtteil Ghetta, dort haben die Juden gelebt, die auch von der restlichen Bevölkerung separiert lebten und nur zu bestimmten Zeiten rein und raus durften.

Das Ghetto von Czernowitz war auf auf einer langen Straße im unteren Bereich der Stadt. In der Mitte der Mitte der Straße wurde ein großer Zaun gezogen und alle Menschen, die jüdischen Glaubens waren, mussten in die eine Seite der Häuser ziehen und alle, die jetzt nicht jüdisch waren mussten aus ihren Wohnungen raus und auf die andere Seite der Straße ziehen. Das heißt, man trennte die Religionen, Juden auf der einen Seite, nicht Juden auf der anderen Seite. Dadurch hat man die Juden konzentriert zusammengehalten. Man konnte sie aus diesem Ghetto hinaus bringen, es gab die sogenannte Ghettopolizei und die musste jeden Tag so und so viele jüdische Menschen an die Deutschen ausliefern. Die Züge wurden mit jüdischen Menschen vollgeladen und irgendwo hingebracht wo wir gehört haben, dass sie dort ermordet werden oder verhungern, es gab unterschiedliche Berichte, ich habe davon natürlich erst später erfahren. Meine Familie hatte große Angst, auch irgendwann abtransportiert zu werden.

Im Gedächtnis geblieben ist mir der furchtbare Gestank im Ghetto. Ob es Matratzen gab? Vielleicht! Auf alle Fälle schliefen die Menschen auch auf dem Fußboden, und Toiletten, ach, ich weiß nicht für wieviele Menschen „eine Toilette“ benutzten, der Gestank dieser menschlichen Exkremente, der hängt noch immer in meiner Nase, das muss man sich überlegen, ich war ein Kind und heute bin ich, ich würde sagen, ein Grufti, wenn man das so bezeichnen kann mit meinen 84 Jahren. Es verfolgt mich noch so, dass ich bis heute Probleme habe, auf Toiletten zu gehen, wo ein schlechter Geruch ist. Das erinnert mich sofort an meine Kindheit.

Es gab kaum etwas zu essen, die Panik war groß. Kinder, die miteinander spielen, gab es kaum. Man hatte immer Angst, dass Schergen kommen, die Kinder schlagen. Es war eine sehr traurige Zeit. Die Erinnerungen sind sehr bruchstückhaft, weil ich sehr klein war.

Der Kommandant des Ghettos war ein rumänischer Offizier. Meine Mutter hat gesagt: Wir sind hier, meine alte Mutter mein Sohn und ich: Sie fragte: Wir sind doch deutschsprachig. Warum können wir nicht raus? Er daraufhin: Da können wir drüber reden, wenn sie mir zu Verfügung stehen würden. Meine Mutter wusste sofort, was Sache ist, was der will. Sie fragte ihn: Sind Sie verheiratet? Ja. Haben Sie Frau und Kinder in Rumänien? Ja. Stellen Sie sich mal vor, irgendein Mann würde Ihrer Frau solch einen Antrag machen. Da explodierte der Offizier vor Wut und sagte: Mach das du raus kommst, Du freche Jüdin! Aber er hat sich ihre Worte wohl gemerkt. Er hat uns längere Zeit vor den Transporten geschont.

Als Czernowitz befreit wurde, sind wir nach Rumänien zu Familienmitgliedern geflüchtet, durch Joint, eine amerikanische Gesellschaft, von Juden gegründet, sind wir durch halb Europa geschwirrt, bevor wir 1944 nach der Befreiung von Czernowitz in die Stadt zurückgegangen sind. Weil wir die Hoffnung hatten, dass mein Vater zurückkommen würde – um dann wieder zusammenzuleben als Familie. Mein Vater war jedoch tot, und meine Großmutter war ermordet worden.

Auschwitz und Max Rubin

Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz befreit. Auschwitz war eine Hölle auf Erden. In Czernowitz war meine Mutter damals tätig in der jüdischen Gemeinde zu dieser Zeit. Dorthin kamen auch Menschen, die aus Auschwitz befreit worden waren, auf der Durchreise. Anfang Februar stand in der jüdischen Gemeinde in sowjetischer Uniform, und sprach sie auf Deutsch an: Sie war erstaunt. Wieso sprechen Sie Deutsch?, fragte sie. Er sagte: Ich komme aus Düsseldorf  und heiße Max Rubin. Meine Mutter stutzte: Schließlich hießen wir Rubinstein und ihr Mann Max! Meine Mutter hoffte noch, dass man Vater zurückkehren würde.

Max Rubin 1933 war vor den Nazis aus Düsseldorf geflohen. Über Belgien und schließlich nach Amsterdam. Die Belgier betrachteten alle Deutschen als Feinde, auch Juden. In Holland war das nicht der Fall, er wurde versteckt von Freunden, wurde aber verraten. Er kam in verschiedene Lager, nach Bergen-Belsen und schließlich nach Auschwitz, das er auf wundersame Weise überlebte – unter einem Kohlenberg versteckt. Im April 1945 ging Rubin zurück nach Amsterdam – bevor er ging, sagte er meiner Mutter, dass er Junggeselle sei. Wenn er jemals heiraten würde, dann nur eine Frau wie Sie, sagte er zum Abschied. Er war ein wandelndes Skelett, als er aus Auschwitz kam, muss man wissen. Als die Menschen befreit wurden, gaben die Befreier ihm viel zu essen – viele Menschen haben das nicht verkraftet und sind gestorben. Max Rubin war ein kräftiger Mann von 100 Kilo, der auf 30 Kilo abgemagert war. Meine Mutter hatte ihn wieder aufgepäppelt. Als wir erfuhren, dass mein Vater ums Leben gekommen war, und die Sowjets uns Juden auch nicht gut behandelten, hat meine Mutter Max Rubin gefragt, ob er uns helfen könne – ob wir nach Holland kommen könnten. So sind wir nach Amsterdam gekommen. Meine Mutter ist nicht aus Liebe dorthin gegangen, sondern aus der Not. Aber sie haben sich irgendwann geheiratet – und lieben gelernt. Max Rubin hat mich behandelt wie ein eigenes Kind – ich habe ihm alles zu verdanken.

 

Weltbürger und Mensch

Ich war zehn, war kaum in der Schule gewesen, und musste erstmal in den Kindergarten. Nach drei Monaten konnte ich fließend Holländisch. Dann kam ich in die Grundschule. Ich sage heute: Ich bin ein rumänisch-holländisch-Deutscher, der sich als Europäer versteht, als Weltbürger, aber in erster Linie als Mensch. So lange ich lebe, hoffe ich, dass ich Mensch sein kann – und gehört werde, wie jetzt von Euch. Seit 1956 lebe ich in Düsseldorf, habe eine Familie gegründet hat. Ich habe drei Kinder, fünf Enkelkinder und ein Urenkel. Ich bin Bürger dieses Landes, ob ich Jude, Moslem, Christ oder Katholik bin, ist egal. Ich sage: Wenn wir eine gemeinsame Zukunft haben wollen, werden wir sie auch haben.

Es war kein leichter Entschluss nach Deutschland zu kommen, ins Land der Täter. 1956 war Deutschland noch ziemlich zerstört. Düsseldorf hatte unheimlich viele Lücken von den Bomben und ich war mir nie sicher, ob der Mensch, der auf der Straße an mir vorbeigeht, ein Mörder war, Täter oder Täterin. Wo gehe ich hin, kann ich das mit meinem Gewissen düberhaupt vereinbaren? Ich wohtne in Holland. Es gab einen großen Hass auf die Deutschen. Meine Freunde in Holland haben mich nicht verstanden. Wie kriegst du dieses Ganze unter einen Hut?Hass zerstört!, habe ich mir gesagt. Ich kann die Menschen nicht hassen. Mir persönlich haben sie nichts getan.

Aber mir kam irgendwann der Gedanke, die sind ja auch Opfer, die Eltern sind verführt worden von dem Regime, wo viele unter Umständen gesagt haben: Wir mussten mitmachen, aber wir wollten nicht freiwillig und wer sich dagegen gestellt hat, hat unter Umständen Glück gehabt, das er nicht selber an die Wand gestellt wurde. Oder aber, dass er zeitlang aus der Not eine Tugend gemacht hat und später gesagt hat: Wir wollten das alles nicht, es tut uns Leid. Da kam ein Vertrauen zu diesen jungen Menschen,  und dadurch ist mein Vertrauen in das Leben in Deutschland gewachsen. Wichtig war auch die jüdische Gemeinde Düsseldorf, wenn es die nicht gegeben, wenn ich dort nicht gearbeitet hätte, Jugendarbeit, dann hätte das ganz vielleicht ein ganz anderen Prozess benötigt. Durch diese ganze Tätigkeit im Laufe der Jahrzehnte ist ein sehr großes Vertrauen gewachsen zu den Nachgeborenen.

Antisemitismus heute

Wenn ich heute jetzt die Situation sehe wie der Antisemitismus in Deutschland sehr, sehr, zunimmt, wie in Köpfen von vielen Menschen auf einmal wieder ein Bild entsteht, das dem gleicht, das die Nationalsozialisten in den Köpfen hineingesetzt haben, mache ich mir große Sorgen, denn dieses Bild ist ein Spiegelbild für Unmenschlichkeit gegenüber anderen Menschen. Und daher sehe ich mich als Teil der Gesellschaft, der gegen Unmenschlichkeit anzugehen hat.

In der Ausstellung in der Gedenkstätte in Düsseldorf könnt ihr sehen, wie viel Zuschriften die jüdische Gemeinschaft Düsseldorf und jüdische Menschen bekommen von Menschen, die sagen: Ihr seid schlimmer als Ungeziefer, das man euch nicht vergast hat ist ein großer Fehler.  Im Internet gibt es Tausende Seiten avoller Antisemitismus und Antijudaismus , Aufrufe zu Gewalt gegen Juden. Nimm Halle. Guckt mal in die Statistiken, es gibt eine enorme Zunahme von Straftaten mit antisemitischem Hintergrund.

Wir sind Deutsche, wir sind Bürger hier im Lande, wir sind genauso wie andere Menschen. Wir haben das Recht, unsere Religion frei auszuüben, aber wir haben die Pflicht mit einander menschlich umzugehen. Die Unmenschlichkeit merke ich überall, es gibt auch viele, die es im versteckten machen, am Stammtisch. Wenn mir einer sagt: Du bist Jude, du siehst aber gar nicht so aus, da frage ich mich: was ist in den Köpfen? Was verbinden sie mit Juden? Ich bin Mensch!

 

Rechtsextremismus

Ich halte nichts von rechtsextremen Parteien oder von rechten Parteien. Ich halte auch nicht viel von linksextremen Parteien und linken Parteien, für mich gilt einfach die Mitte der Gesellschaft. Die Demokratie, das ist das Beste was uns jemals geschehen konnte, und wir alle leben heute dank dieser Menschen, die sich für diese Demokratie einsetzen, so wie wir heute leben. Extremismus kann nie eine Lösung sein.

Was wir brauchen, ist die Akzeptanz gegenseitig  voneinander lernen, lernen ist wichtig. Wenn man lernt, weiß man mehr als wenn man nicht lernt. Zum Beispiel lernt man, wie viel Schönes jede der Religionen hat, aber auch wie viele Hässliches, denn Religionen sind zum Teil auch von Menschen gemacht, die nach Macht streben und Ideologien verbreiten – und dieser Extremismus wird die Welt zerstören. Was mir heute sehr, sehr zu denken gibt sind diese selbst ernannten Diktatoren in vielen Ländern dieser Welt, wo das Volk nicht die Möglichkeiten hat, die wie wir hier in Deutschland haben: freie Meinungsäußerung, freie Religionsausübung. Ein Grundgesetz, dessen Einhaltung von der Regierung durchgesetzt wird. Aber eine heile Welt werden wir nie bekommen.

 

Kann sich der Holocaust wiederholen?

Der Holocaust, war eine Ideologie der Nationalsozialisten, um ein neues Menschenbild zu schaffen. Der Holocaust war in erster Linie  ein Mord an Juden, an Sinti und Roma, an vielen anderen Völkern.  Ob es nochmal einen Holocaust geben kann, heißt ja, ob wieder ein Massenmord an Menschen erfolgen kann, weil sie Minderheiten sind. Ja, das kann ohne weiteres wieder erfolgen. Das hängt immer davon ab, ob die Demokratie in Europa und in der Welt genug gefestigt wird oder nicht. Das hängt davon ab, ob und wie Menschen auf die Straße gehen, wenn sie merken, die Demokratie ist in Gefahr. Ich sehe jetzt die Protestaktionen, die friedlichen Demonstrationen in Belarus gegen eine Diktatur – die Menschen möchten Freiheit, die möchten ein demokratisches Gebilde haben, wo sie leben können, in Würde, in Freiheit.

Wenn ein Bürgerkrieg nicht friedlich verläuft und die Obrigkeit zu den Waffen greift,  dann kann es unter Umständen auch wieder einen Massenmord geben, das ist aber nicht verbunden mit dem Judentum, sondern mit Entwicklungen der Gesellschaft.


Zeitzeug:innentheater (2020/21)

Herbert Rubinstein erzählte seine Geschichte im Rahmen des Projekts „Zeitzeugentheater zum Thema Antisemitismus, Diskriminierung und Fremdenhass“. Vier Generationen erzählten für das Projekt ihre Geschichten, die zu einer Theateraufführung aufgearbeitet wurden.

Mehr Infos zum Projekt finden Sie hier: bildungsprojekte.nsberatung.de

© Copyright 2026 Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte e.V.